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KNARF RELLÖM

wenn die revolution nicht tanzbar ist dann sind wir nicht dabei

Groove und Wut, sexy Dancefloor und Experimentierfreude werden bei Knarf Rellöm nicht als unvereinbare Gegensätze behandelt, sondern hängen unweigerlich zusammen. Auf einen Nenner gebracht lautet die Erfolgsformel: Soul + Punk = Soulpunk. Aber das wäre dann doch etwas zu simpel. Für Knarf Rellöm gibt es eben keine Widersprüche, nur Möglichkeiten. Und deshalb gibt es auch keinen klar benennbaren „Knarf-Rellöm-Stil“. Alles fließt zusammen, sei es Rock’n’Roll, Mod-Style, Elektronik, Soul oder Westerngitarre.
und - kapitalismus ist scheisze.

 

Knarf Rellöm hat sich nie auf Lorbeeren ausgeruht, sondern sich immer wieder neu erfunden, 1990 mit Huah!, 1992 unter dem Namen Ladies Love Knarf Rellöm, 1999 als Knarf RellömIsm.


Die Umbenennung in Knarf Rellöm with the Shi Sha Shellöm macht klar, dass ein neues Kapitel eingeläutet, nicht aber der eigene Kosmos verlassen wird. Der steht spätestens seit “Fehler is King“ (1999) fest: Soul + Punk = Soul Punk. Groove und Wut, sexy Dancefloor und Experimentierfreude werden nicht als unvereinbare Gegensätze behandelt, sondern umspielen einander. Vor diesem Hintergrund ist mit “Einbildung ist auch ne Bildung“ das bislang tanzbarste Knarf Rellöm-Album entstanden, nicht zuletzt dank DJ Patex an Bass und mit Gesang. Mehr pumpende Bässe statt Westerngitarre, mehr House, aber auch wunderschöner elektronischer Kabelsalat, der immer dann entsteht, wenn Viktor Marek von Detroit aus auf die intergalaktische Autobahn zu Sun Ra abbiegt. 

Der Titel-Song “Einbildung ist auch ne Bildung“ spielt souverän mit textlichen Versatzstücken aus dreißig Jahren Rock- und Popgeschichte. Für Knarf Rellöm gibt es keine Widersprüche, nur Möglichkeiten. Das erklärt auch die Vielfalt dieser schier unberechenbaren Platte. Mit “Little Big City“, einem Song über den Konsumwahn der Menschen in Zürich – Knarf Rellöms zwischenzeitlichem Domizil – ist ein peitschender Disco-Hit entstanden; doch schon auf dem nicht minder groovigen “Party People In The House“ wehrt sich Knarf Rellöm gegen falsche Vereinnahmungen: “Blödsinnige Unity-Schwätzer“, heißt es da, „wenn ich das schon höre.“ Im Herzen noch immer Punk, also maximal angriffslustig, gelingt Knarf Rellöm auf “Einbildung ist auch ne Bildung“, was nur wenige schaffen: kontroverse, wütende Texte in verführerisch schöne, aber nirgends glatte Musik zu verpacken. Sexy Rebellion gegen alle, die es sich in ihrem System allzu bequem eingerichtet haben.

“Einbildung ist auch ne Bildung“ plädiert für Selbstaneignung, für den Mut, das ganze eigene Eingebildetsein – nicht aber Arroganz! – nach Außen zu tragen. Auf solche Weise ist schon immer die interessanteste, weil eigenweltliche Musik entstanden, etwa die von Mark E. Smith/The Fall und Robert Wyatt, die beide auf der Platte gegrüßt werden. Mit der souveränen, von Elektro ebenso wie von (No? oder New?) Wave durchdrungen Platte ist Knarf Rellöm eine Platte auf der Höhe der Zeit gelungen, von der man noch sprechen wird, wenn der ganze Electroclash-Hype längst vorbei ist.

Die Ideen für das Cover hatten Knarf Rellöm, DJ Patex und Christoph Badoux, Zürcher Comic-Zeichner ( Strapazin-Magazin ) und Illustrator, der das Cover auch höchstselbst realisiert hat.
Das Video zum KNARF RELLÖM-Track “Roc Stars“ ist in Arbeit – bald auf unserer homepage www.whatssofunnyabout.de zu sehen und hoffentlich auch bei Viva/MTV/u.a. !!!



Die Welten des KNARF RELLÖM

History: Sein Debüt mit HUAH!, das war 1990. Schon so lange her und doch ist der markige Slogan von damals – “Scheiß Kapitalismus“ – so aktuell wie nichts sonst geblieben. Für seine Parolen, Übertreibungen oder einfach nur in den Raum geschleuderten Statements kann, nein muss man Knarf Rellöm lieben. “Fehler is King“ lautete der Titel seines letzten Albums, das nun auch schon wieder vier Jahre zurückliegt – und er war durchaus programmatisch gemeint. Es geht in dieser Musik nicht um oberflächliche Fehler, nicht um Dilettantismus oder LoFi, sondern um Fehler im System Popmusik, um einen ständigen Bruch mit Erwartungshaltungen und um Reibeflächen.


Ideology: Eigentlich liebt Knarf Rellöm ja Pop und würde auch nie einen anderen Begriff für seine Musik zulassen. Als Gast auf einer Podiumsdiskussion in Berlin, von Altlinken umgeben, die Degenhardt und Eisler gegenüber dem „Schund auf RTL und MTV“ zu retten versuchten, rief er vor einigen Jahren entrüstet auf: „Ich liebe diesen Schund! Er ist mein Arbeitsmaterial!“ Gegen jegliches Milieu, das musikalische Qualität an Authentizität festmacht, setzt Knarf Rellöm auf die uneigentlichen, inszenierten Sprechweisen des Pop, wohl wissend, dass Uneigentlichkeit und musikalische wie inhaltliche Unverbindlichkeit nichts miteinander zu tun haben. Es ist im Gegenteil möglich, gerade dadurch als Musiker verbindlich zu wirken, indem man den ganzen Ballast, die Zweifel und die ständige Suche, kenntlich macht. Denn nur „schlechte Bands heißen ECHT oder PUR“ heißt es auf “Change Is Gonna Come“.

Music: Musikalisch bedeutet dies, dass es keinen klar benennbaren Knarf-Rellöm-Stil gibt, aber auch keinen Eklektizismus, der wild zwischen den Stilen hin- und herspringt, sondern vielmehr eine innere Spannung. Rock’n’Roll, Mod-Style, Elektronik, leicht verschleppter Soul und Westerngitarre laufen hier nebeneinander, als ob sich da jemand nicht hat entscheiden können, ob das jeweilige Stück ein Dance-Track oder eine Akustikballade werden sollte. Wo andere crossovern, lässt Knarf Rellöm die Spuren einfach unvereinbar nebeneinander herlaufen. Homogenisierung ist ihm falsches Harmonieversprechen. Gerade aufgrund der bewusst gewählten Unstimmigkeiten erhält die Musik einen besonderen Sex Appeal. Das Unfertige und Brüchige wirkt menschlich, schafft keine Helden, sondern lässt uns nahe ran, teilhaben am Arbeitsprozess. Das wiederum ist eben nicht mit „echt“ und „authentisch“ zu verwechseln, sondern ein politisches Verfahren, das Knarf Rellöm hierzulande wohl nur noch mit den Goldenen Zitronen teilt: Widersprüche werden nicht bereinigt, sondern ausgespielt, die „antagonistische Gesellschaft“, wie Adorno das nannte, kenntlich gemacht. Oder, Knarf Rellöm in his own words: „Pop ist ein grundsätzlich kapitalistisches Segment, in dem sozusagen der Kapitalismus ganz selten mal (aber dann mit großer Freude) mit den eigenen Waffen geschlagen werden kann.“

Crew: Knarf Rellöm ist natürlich nicht nur Knarf Rellöm, auch wenn das Anagramm dazu verführt, in der Einzahl zu sprechen. Ohne die Band wäre Knarf Rellöm (Einzahl) so viel wie Sun Ra ohne sein Archestra. In der jetzigen Besetzung, mit dem durch nichts beirrbaren Viktor Marek, der die elektronischen Fäden stoisch zusammen laufen lässt, und dem Groove-Einfluß von DJ Patex, gewinnt die Musik stärker denn je an Soul, genauer gesagt: Soul Punk. Denn selbst die schönste Verweigerung wäre „Spießerkram“, wenn man zu ihr nicht tanzen könnte.

Money: Vier Jahre haben wir auf eine neue Veröffentlichung von Knarf Rellöm warten müssen. Und dies nicht wegen mangelnder Ideen oder Faulheit, sondern, wie Knarf Rellöm entwaffnend ehrlich zugibt, „weil es uns ständig an Geld fehlt“. Der HUAH!-Slogan bleibt also gültig: “Scheiß Kapitalismus!“ Einbildung ist zwar auch ne Bildung, doch das kulturelle Kapital, das sich aus ihr schlagen lässt, spiegelt sich noch lange nicht auf dem Konto wieder. „Ich finde es wichtig, auch über Ökonomie zu reden“ (Knarf Rellöm). Und wenn man genau zuhört, wird man merken, dass alle Stücke auf „Einbildung“ davon erzählen. Es geht um Medien, Berühmtheit, Geld, Erfolg und um die Abwesenheit all dessen. Pop, der die ökonomischen Bedingungen des eigenen Systems, die Lügen und das Glücksversprechen stets mitthematisiert – auch das ist selten geworden.






Diskographie:

Knarf Rellöm
HUAH!
(1990 CD/ LP “Was machen HUAH! Jetzt?“ L`Age D`Or)
HUAH!
(1992 CD/LP “Scheiß Kapitalismus“ L`Age D`Or)

Die Aeronauten play Knarf Rellöm
(1995 Single Tom Produkt)

Ladies Love Knarf Rellöm
(1997 CD “Bitte vor R.E.M. einordnen“ What`s So Funny About/ LP Ritchie Rec.)

Knarf Rellöm ISM
(1999 CD ”Fehler is King“ What`s So Funny About/ LP Ritchie Rec.)

Beitrag auf der ZickZack Labelcompilation
(2002 “Bis auf weiteres eine Demonstration“ ZickZack)

Split 12”
(2003 zusammen mit Saalschutz, mit Remixen von Knarf Rellöm-Stücken u.a. von Golden Boy, auf Rewika)

Beitrag auf der Spex-CD-Compilation (1/2 – 04) mit dem Track “Null – Eins“

Viktor Marek
Bürobert/ Büroberta (1997 Single im Eigenvertrieb)
Colm (1997 Single)

Knarf Rellöm ISM
(1999 CD ”Fehler is King“ What`s So Funny About/ LP Ritchie Rec.)

8 Doogymoto
(2000 “8 Doogymoto” Reisschallplatten/Vinyl)

8 Doogymoto
(2003 “Minimalistico” Soundslike/Accidental)

 

 

SPEX-Kritik zu “Einbildung ist auch ne Bildung” 01/04

Eine funky Koka-Sportzigarette. Knarf Rellöm, der Kosmopolit des musikalischen Häuserkampfes, ex-Züricher/Hamburger Gassenhauerlieferant und unermüdliches Chamäleon in Sachen Namensfindung und Einfachmalmachen, veröffentlicht ein drittes Album, und um es griffig zu machen (?): Es klingt wie ein Surrogat aus den Goldenen Zitronen und International Pony mit der Leichtigkeit von Fischmob und ... wenig Mitteln außer Enthusiasmus, Selbstbewusstsein und musikalischem und getextetem Witz, der wissend, weise und wirklich ... witzig ist. Außer? Nichts außer. Ein (Underground-)Hit also!
Zusammen mit seiner Liebsten, DJ Patex, sowie Viktor Marek und Chrigl Farmer entstand eine Platte, die ein geschlossenes Offenes Konzept ist. Ein Song folgt der inhaltlichen Vorgabe des letzten Textversatzstücks, »echte Beats« folgen auf Minimal-Mouth-Sounds und dringlich nach »echter Hit« schreiende Momente werden immer wieder mit einem Schuss artifizieller Schroffheit gekonnt ausgekontert. Peng. Mal rockt's – »ihr wollt Kuschelsex, fickt euch!« – mal wird die Dicke Drum, 'tschuldigung, die Bass Drum mit wummbummsender Tanzmusik ausgepackt, der Humor aber nie vergessen, dann gibt Elvis die Systemkritik und der Mambo wird dein bester Freund, wenn »How I Wrote Mark E. Smith« und »Party People In The House« erst mal abgefrühstückt sind. Da legt jemand genau auf das, was der Titel der Platte ist, absolut keinen Wert. Warum auch? Für das Anliegen von KRWTSSR (Abkürzung muss sein) sprechen Songs, Versatzstücke, Kalauer, Ansagen, Einweisungen, jeder einzelne Satz auf diesem Album: verschmitzt grinsend und todernst zugleich. Der vorab via Rewika Records ausgekoppelte Hit »Little Big City« (in Verbindung mit Saalschutz, deren Platte ebenfalls bald, Mitte Februar, erscheint) ist z.B. die Vocoder-Hymne einer ausgelassenen Squad-Party, bei der die meisten der im Rausch taumelnden Menschen gar nicht bemerkt haben, was die Typinnen da auf der Bühne überhaupt von einem wollen. Was denn? Sie zum Tanzen bringen, zum Nachdenken bringen, zum Grübeln ob des Nachdenkens bringen, zum Schmunzeln bringen, die Stirn zum Runzeln bringen ... ja ist denn das nicht längst genug? Ist es. Mehr als genug. Einen großen Dank an die Meister der Wiederaufbereitung alter Gefühle kombiniert mit der dringenden Aufforderung, auch im Heute so kritisch zu sein, wie die Alten immer behaupten, dass sie es gewesen sind. Überhaupt: Die Reisereportage-Namedropping-Skurrilität mit dem verdammt geschickten Lips Inc./»Funky Town«-Zitat ... sehr schön. Und dann? Kommt ein Tony Curtis-Witz gefolgt von Golden Boys »Little Big City«-Version (noch mal) am Ende der Platte, dem Song über Zürich, der auch von deinem kleinen Nest handelt: Liliput, Lüneburg, Limburg, Aschaffenburg, Hamburg, Leipzig, Köln und Berlin. Alles dieselbe unterhaltsame, heiße Scheiße, solange nur die ShiShaShellöms da sind.

Uwe Viehmann