treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet alltäglich von 16:00 bis Sperrstund ist.

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DAS STAATSTHEATER SPIELT ::: ALLTAGSG'SCHICHTN ::: VON ELiSABETH T. SPIRA

PREMIERENKRITIK „Der ungesunde Volkskörper spricht"

Joachim Leitner / TT 8.1.2024

 „Den einen oder anderen fetten Hintern hat man hier schon zu sehen gekriegt, aber so schauerlich-schön waren die Ärsche noch nie.“ So hat Treibhaus-Chef Norbert Pleifer diesen in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerten Premierenabend zusammengefasst. Und damit den Nagel ziemlich zentral auf den Kopf getroffen.
Das Staatstheater spielt „Alltagsgeschichten“, frei nach Elizabeth T. Spiras gleichnamiger Reportage-Reihe. Alle Sätze des Stücks sind zwischen 1985 und 2006 von echten Menschen vor laufender Kamera gesagt worden. Doch Regisseurin Susi Weber versucht gar nicht erst, dem ganz realen Grind und Grant mit Realismus beizukommen: kein Sozialbau-Schick, kein Stammtisch. Nur – und auch das nicht wirklich – ein bisschen nicht gerade normschöne Freikörperkultur – die eingangs erwähnten Hinterteile und ihr nicht minder mächtiger Vorbau.

Aus den Kostümen hat Ausstatterin Esther Frommann bis zuletzt ein Geheimnis gemacht. Füllige Fettanzüge hat sie für die vier SpielerInnen genäht – samt Brustwarzen, einem Hauch von Schamhaar und ohne Genierer. So treten Oliver Burkia, Carmen Gratl, Ute Heidorn und Frederick Redavid – nach etwas Gemurmel und Gepoltere im Off – einzeln auf, um dann auf einer Parkbank zum eher ungesund aus dem Leim gegangenen „Volkskörper“ zu verschmelzen – und weiter zu poltern: mit- und durcheinander, jede(r) für sich. Von Streit- und Sehnsucht wird erzählt, vom Mit- und Weglaufen, den Verheißungen des Marktes, von der Geierwally, Gaskammern und von Haltestellen als uneingelöste Versprechen; über die Teuerung wird geschimpft und über „Auslända“, Frauen, „die da oben“, Häfnbrüder und andere „Primitivlogiker“; Naturgesetze werden beschworen, Kalendersprüche bemüht – und „der dritte Atomkrieg“ droht auch.
Wunderbar getaktet ist die vielstimmige, vieldialektale und abgründig dialektische Monologcollage. Und toll gespielt. Oft ersetzt ein böser Blick den ganz großen Unmut. Manchmal sind die Gesten größer als die Gedanken. Hin und wieder wird akrobatisch nach der für jede (un-)anständige Brandrede notwendigen Luft gesucht. Beklemmend ist das. Und gespenstisch. Und beinahe schmerzhaft komisch.
Bereits 2020 hätte dieses Kabinettstück gespielt werden sollen. Nach der Generalprobe kam Corona. Die Dringlichkeit von Stück und Setzung ist in der Zwangspause gewachsen. 2020 hätte sich mancher Sager als skurril verharmlosen lassen. Inzwischen ist Verharmlosung und von aller Ahnung befreites Meinen Volkssport und möglicherweise mehrheitsfähig geworden. Deshalb will man über diese „Alltagsgeschichten“ nicht zu herzhaft lachen – und muss es trotzdem tun. Die Premierenvorstellung am Samstagabend wurde mit stehenden Ovationen belohnt.
 


In einer Inszenierung von Susi Weber lässt das Staatstheater diesem Kaleidoskop des Menschlichen auf der Bühne freien Lauf.

»Österreich lehrt, dass Ideale am ehesten verwirklicht werden, wo kein Programm sie postuliert, dass hoch über dem tierischen Ernst der menschliche Spaß steht, dass Negation ebenso schöpferisch sein kann wie Konstruktion, dass der Traum die Wirklichkeit überwinden, dass Sieg Niederlage und Niederlage Sieg sein, dass Spiel die Welt verändern kann.« (Hans Weigel)

Elisabeth T. Spira schuf mit ihren Alltagsgeschichten eine einzigartige Dokumentation der österreichischen Seele. Ihre erste Alltagsgeschichte »Spiel nicht mit den Gassenkindern« wurde 1985 ausgestrahlt. Die Dokumentarreihe brachte es bis 2006 auf insgesamt 60, zum Teil preisgekrönte Ausgaben, sie erregte die Gemüter, wurde gelobt und kritisiert, viel diskutiert und immer wieder gerne gesehen. Über 20 Jahre blickte Spira dem österreichischen Volk auf die Finger und auf die Zunge, entlockte ihren Gesprächspartnern Intimes und Geheimes, Berührendes und Abstoßendes, Lustiges und Trauriges. Doch immer zutiefst menschlich und mit immer liebevollem Blick.

mit:
Carmen Gratl,
Ute Heidorn,
Oliver Burkia,
Freddy Redavid

Regie: Susi Weber
Ausstattung: Esther Frommann

https://www.youtube.com/watch?v=lK61pD_ySeU&t=8s

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