treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

JENSEITS VOM CHRISTKINDLMARKT // DER neue TREIBHAUS-PASS // & MORE.

Den Treibhaus-Konzert-Paß (gilt bis 30.6.'20) oder Eintrittskarten als erlesene Genschenks-Papiere: das Winter & Frühjahr bereits im Vorverkauf. Von Rebekka Bakken bis John Scofield bis Lola Marsh, von Mascheks Jahresrückblick bis Manuel Rubey. Den Paß gibts endlich online - mit dem Link d(r)oben im Menu!

JOSHUA REDMAN

Joshua Redman - einer der charismatischsten und begehrtesten Jazz Künstler der Gegenwart
So jung und schon so groß. Als Joshua Redman 1993 im Alter von 24 Jahren sein Debüt-Album veröffentlichte, bekam der Jazz einen neuen Poster-Boy: Da präsentierte sich jemand, der nicht nur gut aussah, jung und klug war, sondern auch noch genauso spielte wie die Alten. Der Saxofonist wurde zur Speerspitze einer neuen Generation von Improvisatoren, denen man rasch das Etikett "Young Lions" anheftete.
Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm. Joshua Redman, Sohn von Dewey Redman, bläst sein Tenorsaxophon mit vollem, kernigen Ton: ein Stückchen Familientradition. Wie bei Altmeistern erzählt sein Instrument Geschichten voll herzhafter Melodien. Dabei nimmt er sich Zeit, läßt die Themen wachsen und gestaltet sie mit Liebe und Charakter.

Seit seinem Erscheinen in der Jazzszene Anfang der 90er Jahre gilt der Saxophonist Joshua Redman als ein herausragendes Talent, das problemlos jedes Idiom der Jazzgeschichte in jedem Genre abrufen kann, sei es die lyrische Ballade des Cool Jazz, sei es die expressive Phrasierung des Bop. Redman spielte als omnipräsenter Allrounder an der Seite von Stars wie Elvin Jones, Paul Motian, Charlie Haden oder Pat Metheny, kokettierte auf hohem Niveau mit Popsongs etc. In den vergangenen Jahren hat der Allrounder seinen Wirkungskreis nochmals erweitert, überzeugte auch als profilierter Leader eigener Bands, spielte einerseits mit der beweglichen Elastic Band, andererseits mit dem größeren Ensemble SF Jazz Collective. Auch wenn er im akustischen Allstar-Trio seine Fühler in Richtung Tradition ausstreckt, Kompositionen von John Coltrane oder Sonny Rollins interpretiert, schleicht sich ins Spiel Joshua Redmans keine Nostalgie. Hier ist alles Gegenwart, Kommunikation, virtuoser Ausdruck.

Neben seinen eigenen Projekten hat Redman aufgezeichnet und gespielt  mit Musikern wie Brian Blade, Ray Brown, Dave Brubeck, Chick Corea, der Dave Matthews Band, Jack DeJohnette, Bill Frisell, Aaron Goldberg, Larry Goldings, Charlie Haden, Herbie Hancock geführt , Roy Hargrove, Roy Haynes, Billie Higgins, Milt Jackson, Elvin Jones, Quincy Jones, Big Daddy Kane, Geoff Keezer, BB King, The Lincoln Center Jazz Orchestra, DJ Logic, Joe Lovano, Yo Yo Ma, Branford Marsalis, Christian McBride , John Medeski, Brad Mehldau, Pat Metheny, Marcus Miller, Paul Motian, Meshell Ndegeocello, Leon Parker, Nicholas Payton, John Psathas, Simon Rattle, Dewey Redman, Dianne Reeves, Melvin Rhyne, The Rolling Stones, The Roots, Kurt Rosenwinkel, John Scofield, Soulive, String Cheese Incident, Clark Terry, Toots Thielemans, The Trondheim Jazz Orchestra, Mark Turner, McCoy Tyner, Umphrey die McGee, US3, Bugge Wesseltoft, Cedar Walton, Stevie Wonder und Sam Yahel. 
Joshua Redman wurde für 2 Grammys nominiert und hat die höchste Auszeichnung in Kritiker und Leser-Umfragen von Downbeat, Jazz Times, The Village Voice und Rolling Stone. Er schrieb und die Musik zu Louis Malles Film Vanya on 42nd Street und ist im Film Kansas City von  Robert Altman zu sehen und zu hören....



BIO

Der 1969 im kalifornischen Berkeley geborene Tenorsaxophonist zählt zu den großen Solisten des zeitgenössischen Jazz, zweimal war er bereits für einen ’Grammy’ nominiert. Als Sohn der Tenorlegende Dewey Redman kam er früh mit der Musik von Ornette Coleman, Keith Jarrett und John Coltrane, aber auch der von James Brown oder der Beatles in Berührung. Den größten Einfluss hat Sonny Rollins auf Joshua Redman ausgeübt. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist er mit Alben, die allesamt die Top 10, oft sogar Platz 1 der Billboard Jazz Album Charts erreichten, und Auftritten mit Jazz-Koryphäen wie Elvin Jones, Charlie Haden, Jack DeJohnette, Pat Metheny und Roy Hargrove eine feste Größe in der Szene und wirkt dennoch stets frisch und unverbraucht. Für jedes seiner vielen, in unterschiedliche Richtungen weisenden Projekte findet er einen eigenen, adäquaten Ansatz: ob für eine Annäherung an HipHop wie auf dem Album „Freedom in the Groove“ von 1996, für seine gleichzeitig respektvollen und überraschenden Interpretationen von Standards und Klassikern oder für seine versatilen Eigenkompositionen – Redman trifft in seiner Vielseitigkeit zwischen Powerplay, rhythmischer Finesse und lyrischer Gesanglichkeit mit seiner voluminösen Artikulation immer den richtigen Ton. 1998 war Redman als Tenorsaxophonist Mitglied der The Louisiana Gator Boys (unter anderem mit Eric Clapton und B. B. King), die extra für den Film „Blues Brothers 2000“ ins Leben gerufen wurde – auch im Film war er zu sehen. Auch in „Kansas City“ von Robert Altman ist Redman an Bild und Ton beteiligt. Während der Saxophonist, der im Alter von neun Jahren auf der Klarinette begonnen hatte, in den 90ern bevorzugt im Quartett agierte, läuft seit zwei, drei Jahren ein Prozess der Reduktion und Konzentration bei Redman: Das 2007 erschienene Studioalbum „Back East" zeigte den Musiker in drei unterschiedlichen Trio-Konstellationen und ist mit orientalischen Motiven grundiert. Der Abschied vom Konzept der Working Band war ein Schritt in Richtung der größeren Fokussierung seiner kompositorischen Ideen und setzt sich auf seinem aktuellen, im Frühjahr 2009 veröffentlichten Album „Compass“ fort: mit den Bassisten Larry Grenadier und Reuben Rogers sowie den Schlagzeugern Brian Blade und Gregory Hutchinson standen Redman zwei eingespielte Trio-Formationen zur Verfügung, die darüber hinaus auch noch in verschiedenen Kombinationen zum Einsatz kamen, um die Herausforderung einer Kleinform ohne Harmonieinstrument noch eingehender zu untersuchen. Mit „Compass“ zeige sich der Künstler „zum Meister der kleinen Form gereift“, stellte das Fachmagazin Jazzthetik fest. „Besser geht’s nicht!“, befand Heribert Ickerott im JAZZ PODIUM. „Joshua Redman hat sich zu einer Szene-Autorität gemausert – und „Compass“ ist ein großer Schritt des Young Lions zum Old Cat“, konstatierte Ralf Dombrowski im Jazz thing.

"Ohne Bach kannst du Jazz gar nicht spielen"

Einer der Letzten seiner Art: Ein Interview mit dem amerikanischen Saxofonisten Joshua Redman über das Verschwinden des Saxofons, den Pop der Achtziger und die Kunst der Rechtsanwälte.

Als Joshua Redman 1993 im Alter von 24 Jahren sein Debüt-Album veröffentlichte, bekam der Jazz einen neuen Poster-Boy: Da präsentierte sich jemand, der nicht nur gut aussah, jung und klug war, sondern auch noch genauso spielte wie die Alten. Der Saxofonist wurde zur Speerspitze einer neuen Generation von Improvisatoren, denen man rasch das Etikett "Young Lions" anheftete. Mittlerweile ist Redman 44 Jahre alt – aber immer noch so nett und aufmerksam wie früher. "Hi, ich bin Josh", begrüßt er den Interviewpartner mit einem scheuen Lächeln. Dann sinkt er konzentriert ins Sofa.

Die Welt: Ihr neues Album trägt den düsteren Titel "Walking Shadows". Warum?

Joshua Redman: Ich mochte die Bilder, die dieser Titel heraufbeschwört: Er suggeriert Stille, langsame und sanfte Bewegungen, das Widerspiel von Hell und Dunkel. Er passt zur Musik. Die Worte stammen von Shakespeare, aus dem ziemlich berühmten Monolog von Macbeth, in dem es um die Sinnlosigkeit des Lebens geht (zitiert, ohne zu stocken): "Life's but a walking shadow, a poor player, that struts and frets its hour upon the stage and then is heard no more: It is a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing." Okay, das ist ziemlich düster! Ich meine das auch leicht ironisch, weil die Platte keineswegs diese Haltung vermittelt. Zumindest hoffe ich, dass die Musik eher lebensbejahend wirkt.

Die Welt: Wenn Männer in die Midlife-Crisis geraten, kaufen sie sich gerne teure Sportwagen. Ist es Ihr Krisen-Ausdruck, eine Balladen-Platte mit großem Orchester aufzunehmen?

Redman: Da steckt ein Körnchen Wahrheit drin. Ich habe mir keinen Rennwagen zugelegt, also musste wohl etwas anderes her. Ich habe schon sehr lange mit der Idee geliebäugelt, ein Balladen-Album aufzunehmen, fühlte mich aber nie bereit dazu. Weder technisch noch als Person. Es gibt da dieses Klischee, dass du gelitten haben musst, um eine Ballade richtig zu spielen. Aber wie das bei Klischees so ist: Ein bisschen was ist dran. Nun, wo die Hälfte meines Lebens hinter mir liegt und ich viel erlebt habe, bin ich ein besserer Song-Interpret, als ich es mit 22 war. Wenn man älter ist, hat man mehr Geduld, man ist mehr im Moment. Man lässt auch mehr nostalgische Gefühle zu.

Die Welt: Als Sie damals die Szene betraten, sprach man von einer neuen Generation von "Young Lions". Spüren Sie immer noch Druck, etwas beweisen zu müssen?

Redman: Ich habe diesen Ausdruck immer gehasst, weil er einen Treueschwur zur Tradition unterstellt, so, als befände man sich auf einer ideologischen Mission. Ich liebe die Jazz-Tradition – aber nur als lebendige Sprache. Beim Jazz geht es darum, im Hier und Jetzt zu improvisieren. Das hat sich nie geändert. Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Es kann gefährlich für Musiker sein, zu viel über die eigene Bedeutsamkeit nachzudenken.

Die Welt: Sie spielen ein Adagio von Bach auf Ihrer neuen CD. Wollen Sie auch in Richtung Klassik gehen, wie es Ihr Saxofon-Kollege Branford Marsalis in letzter Zeit vermehrt tut?

Redman: Hinter meiner Wahl, dieses Bach-Adagio zu spielen, steckt kein größeres Statement. Ich denke, jeder Jazzmusiker spielt irgendwo auch klassische Musik. Die westliche klassische Harmonik ist eine der Grundlagen des Jazz. Es ist nicht die einzige, eine der wichtigsten ist fraglos die afrikanische Tradition und der afroamerikanische Ausdruck. Aber die harmonische und melodische Sprache, die wir benutzen, kommt zu einem großen Teil aus der westlichen klassischen Musik. Bach ist gewissermaßen der Vater dieser Harmonie. Du kannst nicht Jazz spielen, ohne auch Bach zu spielen.

Die Welt: Kennzeichnend für die Jazzmusiker Ihres Alters ist der Rückgriff auf zeitgenössische Pop-Nummern. Inwiefern fällt es im Vergleich zu den Standards aus dem American Songbook leichter oder schwerer, über diese Songs zu improvisieren?

Redman: Es ist nicht schwerer, wenn du den richtigen Song und den richtigen Ansatz findest. Aber es ist schwieriger, bei der Suche erfolgreich zu sein. Weil es weniger Songs gibt, die sich dafür eignen, um darüber abwechslungsreich zu improvisieren. Das soll jetzt bitte kein Qualitätsurteil sein: Aber moderne Popmusik verfügt vom harmonischen Standpunkt her nicht ganz über diese Komplexität und Raffinesse wie die klassischen Songs aus dem American Songboook der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre.

Die Welt: Warum ist das Saxofon eigentlich nicht mehr populär? In den Achtzigern war es in so ungefähr jedem Werbeclip zu hören ...

Redman: Ja, man hört es kaum noch. Der Trend in der Popmusik geht ohnehin zu immer weniger echten Instrumenten. Es gibt Revivals und immer mal jemanden, der coole Sachen mit akustischen Instrumenten anstellt. Aber elektronische Musik ist mehr und mehr die Zukunft. Das ist okay. Ich spiele Saxofon, das Saxofon ist meine Stimme. Wenn das Saxofon sich schlussendlich als Fußnote in der Musikgeschichte erweisen sollte, dann sei es so. Ich habe es genossen, Teil dieser Fußnote zu sein. Der Grund, warum das Saxofon so ein effektives Instrument im akustischen Jazz war, liegt in seiner vokalen Qualität. Wenn du Popmusik machst, hast du allerdings bereits einen Vokalisten. Da brauchst du kein Saxofon. Und mal ehrlich: Das Saxofon mag zwar an vielen Stellen in der Popmusik der Achtziger zu finden sein, aber die meiste gute Popmusik der Achtziger fand ohne Saxofon statt. Das Saxofon war doch schon fast kitschig!

Die Welt: Trotzdem schade, dass das Saxofon verschwunden ist.

Redman: Ich finde es nicht traurig. Mich beschäftigt die Bedeutung des Instruments, das ich gewählt habe, nicht. Das ist für mich eine der großartigen Sachen am Jazz: Die Relevanz liegt im Spielen. Das ist es, was Jazzmusiker so am Jazz lieben: Er lässt dich in diesem einen Moment sein wie keine andere Musikform. Alle Fragen der Bedeutung, Historie, Vermächtnis, alles, was mit dieser großen Vision der Vergangenheit und Zukunft zu tun hat, lösen sich im Akt des Improvisierens auf und werden Gegenwart. Auch der, der nur zuhört, wird Teil dieses Augenblicks.

Die Welt: Es gibt seit einiger Zeit eine Diskussion um den Trompeter Nicholas Payton, der für seine Musik aufgrund der negativen Konnotationen nicht mehr den Begriff Jazz verwendet, sondern den Begriff BAM (Black American Music). Ist es richtig, nicht mehr von Jazz zu sprechen?

Redman: Ich habe kein Problem mit dem Begriff Jazz. Es ist bloß ein Wort. Sicher, ich weiß, dass Wörter eine Geschichte haben, Machtverhältnisse anzeigen können und eine politische oder gesellschaftliche Beharrungskraft besitzen, die es zu dekonstruieren gilt. Wenn es um Musik geht, ist jedes Wort jedoch nur eine Annäherung, ein Versuch, etwas in ein Konzept zu verpacken und zu generalisieren, was im Grunde genommen eine sinnliche Erfahrung ist. Jazz ist anders als Klassik und anders als Pop. Wir brauchen Kategorien. Ich finde das gut. Für mich ist Jazz ein Begriff, der mehr umfasst als Black American Music. Natürlich: Jazz ist von seiner Herkunft und seiner Essenz her eine schwarze amerikanische Kunstform. Die Erfinder und Erneuerer des Jazz in den ersten 70 Jahren waren in der großen Mehrzahl Afroamerikaner. Und ich denke, es ist wichtig, das anzuerkennen. Aber gleichzeitig meine ich auch, dass der Jazz der Gegenwart mehr als das ist. Jazz ist zu einer Welt-Musik geworden. Da gibt es Musiker aller Ethnien, die bedeutungsvolle, interessante Musik machen. Und ich fühle eine Verbundenheit mit diesen Musikern.

Die Welt: Sie schlossen in Harvard mit summa cum laude ab und hatten schon die Zulassung für Yale in der Tasche, als Sie sich dazu entschieden, Musiker zu werden. Haben Sie es jemals bereut, nicht an die Yale Law School gegangen zu sein?

Redman: Neeein! Obwohl ich denke, dass ich es genossen hätte. Na ja, genossen ist das falsche Wort ... Sagen wir mal so: Es wäre eine interessante Erfahrung gewesen.

Die Welt: Was wäre Ihr Studienziel gewesen? Rechtsanwalt?

Redman: Ich hatte keine Idee, was aus mir werden sollte – wie viele Leute, die Jura studieren. Ich hätte mir vorstellen können, ein Sozialanwalt oder Bürgerrechtsanwalt zu werden.

Die Welt: Wäre es in der momentanen Musik-Urheberrechtsdiskussion nicht von Vorteil gewesen, Anwalt zu sein?

Redman: Da mache ich dann doch lieber Musik. Ich bin auch kein großer Kämpfer und Streiter. Ich denke, das muss man sein, um einen guten Anwalt abzugeben.

Die Welt: Ihr Vater war der berühmte Freejazz-Saxofonist Dewey Redman. Warum hat sich seine Musik nie so richtig bei den Musikern Ihres Alters durchgesetzt?

Redman: Viele Musiker aus meiner Generation wurden sehr stark vom Freejazz beeinflusst, vor allem von der Musik Ornette Colemans. Aber wir fühlen nicht diese unbedingte Notwendigkeit, dass es dieses nächste große Ding geben muss. Bis zu einem gewissen Punkt hat sich Jazz kontinuierlich weiterentwickelt: New Orleans führte zu Swing, dann kamen Bebop, Hardbop, Cool, Avantgarde und Fusion. Wir haben, um diesen überstrapazierten Begriff zu benutzen, da eher eine postmoderne Haltung. Du kannst Elemente und verschiedene Stile nehmen und daraus etwas Eigenes machen. Da muss nicht die nächste große Innovation kommen.