treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

JENSEITS VOM CHRISTKINDLMARKT // DER neue TREIBHAUS-PASS // & MORE.

Den Treibhaus-Konzert-Paß (gilt bis 30.6.'20) oder Eintrittskarten als erlesene Genschenks-Papiere: das Winter & Frühjahr bereits im Vorverkauf. Von Rebekka Bakken bis John Scofield bis Lola Marsh, von Mascheks Jahresrückblick bis Manuel Rubey. Den Paß gibts endlich online - mit dem Link d(r)oben im Menu!

FRANZOBEL l MÜTTER

Die ultimative literarisch musikalische Weihnachtsorgie

Die ultimative Weihnachtsfeier für Sie und alle, die nichts zu verschenken haben. Ein besinnliches Advendkranzniederbrennen, rabiates Keksausstechen, un-widerrufliches Türlöffnen und Geschenkevernichten. Ein literarisch-musikalisches Ganslstopfen bis zum allerletzten Punsch. Bertl Mütter und Franzobel
o klopfen ans Türl und sorgen für eine nie dagewesene Pointenbescherung!
o machen alle Türln auf und brennen den Adventkranz nieder!
o lassen alle Lebkuchenherzen höher schlagen und zerbröseln die letzten Kekserln!
o füllen das Weihnachtsgansl und stopfen den Weihnachtsmann!
o zünden alle Sternspritzer an und verdrängen Licht ins Dunkel!
o rieseln leise*) und feiern bis zur Besinnungslosigkeit!
(Dieses Programm ist für Jugendliche unter 18 Jahren schon auch geeignet. gerade weil Franzobel sein liebstes japanisches Weihnachtslied (in echt auf Japanisch!) singt

Bertl Mütter

Komposition, Posaune, Stimme, Euphonium, Improvisation
Geboren 1965 in Steyr, Oberösterreich. Blasmusik, Dixieland, Theologie, Militärmusik; dann Musikstudium (Posaune-Jazz, etwas Stimme) in Graz; Diplom 1990. Preise, Förderbeiträge, Aufträge,... Ich lebe freischaffend in Wien.

Einflüsse (Auswahl)
Louis Armstrong, Johann Sebastian Bach, Luciano Berio, Thomas Bernhard, Jorge Luis Borges, Anton Bruckner, Elias Canetti, Morton Feldman, Ella Fitzgerald, Egon Friedell, Vinko Globokar, Nina Hagen, Nikolaus Harnoncourt, Ernst Jandl, Franz Kafka, Laurel & Hardy, Gustav Mahler, Lauren Newton, Julius Patzak, Perotin, Pygmäen, Monty Python, Helmut Qualtinger, Franz Schubert, Karl Valentin, Fritz Wunderlich.

Badewannenmusik
Als Solist beziehe ich mich gerne auf die Tradition im Spannungsfeld zwischen Komposition und Improvisation. Die einzige Tradition, bei der ich überhaupt die Chance habe, sie annähernd authentisch zu verstehen, ist jene, in die ich hineingeboren wurde. Ich lasse mich jedoch gerne von außen beeinflussen und baue in diesem Sinn fremde Elemente (siehe: Einflüsse) in meine Kunst ein. Meine Vorfahren waren aber weder Baumwollpflücker in den Südstaaten noch sibirische Schamanen; ich kann daher nur Betrachter solcher Traditionen sein. Mein Haupt-instrument, die Posaune, besitzt ein kaum ernstzunehmendes klassisch-romantisches Solore-pertoire, ein Vorteil, denn ausbildungsbedingtes Erschaudern vor ihr gewidmeten Meisterwerken kenne ich nicht. So kann ich mich beschäftigende Werke - improvisatorisch und mit eigenem Material angereichert - in der Konzertperformance recht unvorbelastet an mir vorbeiziehen lassen. Wer allein in der Badewanne singt, hört innerlich das ganze Orchester, kein Instrument geht ihm ab; meine Badewanne steht auf der Bühne, ein sehr intimer Vorgang.

Solo / Komposition / Sonderprojekte

Arbeit im Sinn der Badewannenmusik, oft in Kooperation mit Künstlern anderer Disziplinen (z.B.: gestern wie morgen, mit der Keramikerin Elke Huala) bzw. in ungewöhnlichem Ambiente (z.B.: in die nacht in den tag, zwölfstündige Performance als Wallfahrt, Konzerte und Aufnahmen in großen Kirchen, Wasserspeichern, ...).  Schubert:Winterreise:Mütter Versionen mancher Lieder sind dabei fix arrangiert, andere werden – vermischt mit persönlichen Statements / Conference – immer wieder anders aus der Erinnerung oder aus der Partitur improvisiert. UA der Live-Version 10.3.2001, Konzerthaus Wien, Hörgänge (CD-Mitschnitt).

Mütter: Mahler (work in progress), al-fresco-Reflexionen über die Musik Gustav Mahlers. Seit 1996 Aufführungen von Teilen u.a. im Römersteinbruch Wagna/Leibnitz und im Erzberg/ Eisenerz.

Franz-Kafka-Rezitation, Lesung mit musikalischen Kommentaren für den S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main.

Februar 2000: Aufnahme der neuen Solo-CD written images zu den Bildern von Stefan Emmelmann; sie erscheint auch als Beilage zum Katalog im Ritter Verlag, Klagenfurt.
8.5.2000: UA des Streichquartetts wenn sie so wollen ist es halt ein streichquartett (wofür ich mich meinetwegen entschuldige) im Brucknerhaus, Linz (Stadler Quartett des oenm).

Weitere Kompositionen sind u.a. für das Festival StART in Salzburg in Arbeit (anstehen. aufstehen. Für Klavierquintett mit obligater Posaune, UA 5.5.2001) bzw. in Vorbereitung.

Passagiere, für Schönberg und Schnitzler (Arbeitstitel) für die Kunsthalle Steyr (UA 14.9.2001). Mitwirkende: Agnes Heginger (Soubrette), Christoph Cech (Harmonium), Christian Mühlbacher (Schlagwerk), Thomas Fheodoroff (Violinen), eine Bläserschar; Franzobel (literarische Reflexionen) und Hannes Krisper (Dandy).

Ensembles

• Timbre, improvisierendes Vokalquartett mit Lauren Newton, Elisabeth Tuchmann und Oskar Mörth (seit 1987).
• Yokohama Jazz Promenade, Japan, Oktober 2000; Styriarte Landpartie 2000, Oberwölz (Projekt MTRPLS); Bachfest Leipzig 2000, Thomaskirche; Leipziger Jazztage 1999; Zusammentreffen mit Ernst Jandl, Abdullah Ibrahim/Dollar Brand. 2001 ist eine weitere Japantournee geplant, weiters eine neue CD mit den Gästen Joëlle Léandre (b, voc), Fritz Hauser (dr), Urs Leimgruber (saxes).
• camerata obscura, Quartett mit Florian Bramböck (saxes), Christoph Cech (p) und Johann Steiner (bcl). Jazzfestival Saalfelden, 1996, Mexico-Tournee 1997, Jazzfestival Grenoble, 1998.
• Duo Cech • Mütter, Lobgesänge.
• striped roses, Oktett. Europa Jazz Festival, Le Mans, 1999.
• Nouvelle Cuisine Big Band.
• Takon Orchester.
• Franui+Mütter, kommentierende Bearbeitung (Schubert, Mahler) und Mitwirkung beim (Trauermarsch-) Programm
• Frische Ware der Osttiroler Musicbanda (UA 2.6.1999). Gustav-Mahler-Woche Toblach, Tiroler Festspiele Erl, Juli 2000 und 2001.
• Duo mit dem Geiger Thomas Fheodoroff, Auftragswerke von u.a. Bert Breit, Christoph Cech und Christian Mühlbacher.
• Duo mit der Vokalistin Agnes Heginger (BoABoA).
• Mütter.Essl.Roidinger, mit Karlheinz Essl (Computer) und Adelhard Roidinger (e-b, elektronik)
Haslinger-Mütter-Puntigam, seit 1989 Literatur-Musik-Performances mit dem Autor Josef Haslinger und Werner Puntigam (tb), u.a.: Die Entdeckung Amerikas. Ein neues Programm ist eben in Vorbereitung.
• Literarisch-musikalische Doppelconferencen mit dem Autor Franzobel.
• Seit 1988 multimediale Projekte mit Werner Raditschnig, zuletzt 19 Days - Multiple Summer, Totengesänge, Merlin und Der Eisenhammer.
• Langjährige Arbeit mit der Zürcher Saxophonistin Co Streiff. Rezitator und Vokalist/Posaunist beim lyrisch-delirischen Wortkonzert Kadash Am Berg (Text: Roland Heer).
• Weiters: Crossthroats, mit der spanischen Vokalistin Fátima Miranda, UA im Konzerthaus Wien, 1996 (Hörgänge). 1996 Vertreter Österreichs im European Jazz Festivals Orchestra, midem, Cannes und in der EBU-Bigband, Kopenhagen.




Theater / Performance

• Grünverschlossene Botschaft, 33 Träume aus 90 von H.C. Artmann, szenische Lesung mit der Schauspielerin Didi Macher, UA 23.9.1997 im Volkstheater, Wien.
• Reden, Spielen, Zeigen, mit Harald Gsaller. Gsaller/Mütter reden über ihre Kunst, von ihrer Kunst, spielen mit textlichen, bildlichen und musikalischen Fragmenten, auch Carambol. RSZ ist der Rhetorik und (besonders reizvoll, weil im Kunstkontext weitgehend vernachlässigt) einer launigen Reflexion der Didaktik verpflichtet. Es stellt ein künstlerisches System von Modulen dar, welches auftragsorientiert adaptiert wird.
• Das Ende der Nibelungen (1998), Funkerzählung von Ralph Œhme (Leipzig): Sprecher, alle Klänge, Regie, Schnitt. Verlag Felix Bloch Erben, Berlin.
• Toihaus, Salzburg: SteinStern und VogelFisch; das kind in der suppe (Meta Merz ); falamaleikum (Ernst Jandl ).
• FO-Theater, Wien: Der Kaspar darf nicht sterben! (H.C.Artmann). Sommerspiele Melk: Faust I+II; Amphitryon.

Pädagogisches

Workshops zur Stimmimprovisation, improvisiert/komponierten Musik, Performance, Bühnen-präsenz (an Schulen, Theatern, mit Musikstudenten). Dozent bei den KlangNetzen. Mit Chri-stoph Cech und Christian Mühlbacher Arbeit mit Lehrlingen (MüCeMü).

Diskographie

Auf dem eigenen Label ARBE (1-5:Eigenvertrieb, ab 6: Vetrieb Hoanzl):
• ABCD, 1993 (ARBE 1). Mit Armin Pokorn (midi-git).
• grenzkæmpfe, 1993 (ARBE 2). Bertl Mütter Solo. Basilika Mariazell, Wasserspeicher Rosenberg, Graz.
• SENTIMENT - diese ewigen Auftakte!, 1994 (ARBE3), Minoritenkirche Stein. Mit Dimitrios Polisoidis (va, vln) und Siggi Haider (akk, voc).
• Batpulse, 1997 (ARBE 4). Mit der camerata obscura.
• Lobgesang, 1997 (ARBE 5). Mit Christoph Cech.
• Tulpen, 1998 (ARBE 6). Mit den striped roses.
• Frische Ware, Musik für Totengräber, 2000 (ARBE 7). Mit der Musicbanda Franui.
• written images, 2000 (ARBE 8). Bertl Mütter Solo. Minoritenkirche Stein/Krems.

Weiters:
• Takon Orchester, 2000 (Turkish Bath Records 001). 05.04.00, 2000 (Ex666CD); 05.04.99, 2000 (Ex555CD), mit Christian Mühlbachers Großformation, die jedes Jahr am 5.4. zusammenkommt, dabei wird die CD des Konzerts vom Vorjahr präsentiert. efzeg:,
• 1998 (Ex361CD) Mit Boris Hauf (ts, ss, fl) und Franz Hautzinger (quartertone-tp).
• Kadash am Berg, 1997 (UTR4106CD, Zürich).
• TIMBRE, 1995 (CD LR 221, London).
• Trio L.T.D., 1996 (CD LR 234). Mit Lauren Newton, Thomas Horstmann (git) und Dirk Rothbrust (perc).
• Amerika, 1993 (Ex170CD). Haslinger-Mütter-Puntigam.
• Weitere CDs u.a. mit Werner Raditschnig (Der Schädel, Der Eisenhammer), Timbre/ChoralConcert (Passion), Hannes Löschel (Rhetikus).

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FRANZOBEL


Franzobel eigentlich Stefan Griebl (* 1. März 1967 in Vöcklabruck, Oberösterreich) ist ein österreichischer Schriftsteller.

Er studierte Germanistik und Geschichte. Neben seiner literarischen Tätigkeit (er publiziert im Eigenverlag, in Kleinverlagen und innerhalb von Mail-Art-Projekten) arbeitet er als Maler (Concept Art bis 1992). Von 1994 bis 1998 betreute er den Kleinverlag Edition ch den die Autorin Christine Huber 1989 gegründet hatte. 1995 wurde er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Prosatexte und Lyrik, die in der Spannung zwischen Experiment (Arbeiten mit automatisierter Übersetzung u.a. im Peroidikum Rampe) und Einfallsreichtum einerseits sowie Strukturen andererseits ihren unverwechselbaren Reiz gewinnen. Franzobel lebt in Wien, Pichlwang und Buenos Aires.


Auszeichnungen
? Ingeborg-Bachmann-Preis 1995 für "Die Krautflut"
? Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis der Stadt Darmstadt 1997
? Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor 1998
? Bert-Brecht-Medaille 2000
? Arthur-Schnitzler-Preis 2002
? Zehn besondere Bücher zum Andersentag
? 2004 für "Die Nase"
? 2005 für "Schmetterling Fetterling"
? Nestroy-Preis 2005


Werke

Bücher:
? Der Wimmerldrucker. Ein Lexikaroman. Eigenverlag, 1990.
? Thesaurus. Ein Gleiches. Gedichte. Eigenverlag, 1992.
? Das öffentliche Ärgernis. Prosa. Klagenfurt: edition selene, 1993.
? Überin. Die Gosche. Prosa. Ill.: Franzobel. Klagenfurt: edition selene, 1993.
? Masche und Scham. Die Germanistenfalle - Eine Durchführung & Das öffentliche Ärgernis. Proklitikon. Klagenfurt: Edition Selene, 1993.
? Die Musenpresse. Aus einem Roman von Margarete Lanner. Mit mehreren Bildnachweisen. Klagenfurt: Ritter, 1994.
? Elle und Speiche. Modelle der Liebe. Gedichte und Prosa. Wien: Das Fröhliche Wohnzimmer, 1994.
? Ranken. Prosa. Ill.: Carla Degenhardt. Klagenfurt: edition selene, 1994.
? Hundshirn. Prosa. Ill.: Franzobel. Linz: Blattwerk, 1995.
? Die Krautflut. Erzählung. Nachw.: Thomas Eder. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1995.
? Schinkensünden. Ein Katalog. Klagenfurt: Ritter, 1996.
? Unter Binsen. [Mit Christian Steinbacher] Graz: edition gegensätze, 1996.
? Linz. Eine Obsession. München, Berlin: Janus Press, 1996.
? Der Trottelkongreß. Commedia dell'pape. Ein minimalistischer Heimatroman. Klagenfurt, Wien: Ritter, 1998.
? m. T. [mit Klangwerkstatt Berlin]. Siegendorf: NN-Fabrik, 1998.
? Böselkraut und Ferdinand. Ein Bestseller von Karol Alois. Wien: Zsolnay, 1998.
? Das öffentliche Ärgernis. Proklitikon. & Masche und Scham. Die Germanistenfalle - eine Durchführung. Wien: Edition Selene, 1998.
? Met ana oanders schwoarzn Tintn. Dulli-Dialektgedichte. Weitra: Bibliothek der Provinz, 1999. (In Anspielung auf H. C. Artmann)
? Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt. Roman. Wien: Zsolnay, 2000.
? Best of. Die Highlights. o. O: Edition Aramo, 2001.
? Shooting Star. Klagenfurt: Ritter, 2001 (aufgrund rechtlicher Auseinandersetzungen vom Markt genommen)
? Mayerling. Die österreichische Tragödie. Stück. Materialien. Collagen. Wien: Passagen, 2002.
? Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit. Roman. Wien: Zsolnay, 2002.
? Mundial. Gebete an den Fußballgott. Graz, Wien: Droschl, 2002.
? Scala Santa oder Josefine Wurzenbachers Höhepunkt, Piper 2002
? Austrian Psycho oder Der Rabiat Hödlmoser. Ein Trashroman in memoriam Franz Fuchs. Bibliothek der Provinz, 2002.
? Luna Park. Vergnügungsgedichte. Wien: Zsolnay 2003.
? Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik. Wien: Zsolnay 2005.

Theaterstücke:
? 1996 "Das Beuschelgeflecht"
? 1997 "Kafka. Eine Komödie"
? 1998 "Paradies"
? 1998 "Nathans Dackel oder Die Geradebiegung der Ring-Parabel. Eine Lessingvollstreckung"
? 1998 "Bibapoh"
? 1999 "Phettberg. Eine Hermes-Tragödie"
? 1999 "Der Ficus spricht. Minidrama für A, B, einen Volkssänger, ein Blumenmädchen und einen Gummibaum"
? 1999 "Volksoper"
? 2000 "Olympia. Eine Kärntner Zauberposse samt Striptease"
? 2003 "Black Jack"
? 2004 "Flugangst"
? 2005 "Hunt oder der totale Februar"
? 2005 "Wir wollen den Messias jetzt oder die beschleunigte Familie"






















Interview Franzobel


Interview: b. weywoda, c. bacher


"Es sprudelt wie aus einem Stausee aus mir heraus..."

Der Wortschöpfer und Schriftsteller Franzobel im Gespräch über sein neues Buch "Scala Santa", seine Stellung zur Kirche, sexuelle Gedankenspinnereien, seine Muse Josefine Mutzenbacher und warum er nicht mehr als drei Seiten von Elfriede Jelinek lesen kann.

Die Kirche spielt in Deinem neuen Buch "Scala Santa" eine große Rolle. Welches Verhältnis hast du zur Institution Kirche?
Ein gutes. Ich bin keineswegs radikaler Atheist oder Agnostiker, sondern durchaus um eine gewisse Gläubigkeit bemüht. Es fällt mir nur unglaublich schwer, mich in ein System Kirche einzufügen, weil ich das als Skeptiker nicht glauben kann. Die Vertreter der Kirche sind mir zu menschlich, haben zu viele menschliche Sünden.

Ist es wirklich schlecht, dass die Vertreter der Kirche menschlich sind?
Menschlich meine ich auch im Sinne von verlogen. Wenn man die Keuschheit predigt, gleichzeitig aber jedes Bistum von Haus aus jedem Pfarrer zwei uneheliche Kinder zugesteht, dann ist das schon sehr unehrlich. Was mich außerdem wurmt, ist, daß die Kirche nach wie vor versucht, politisch großen Einfluß auszuüben. Trotzdem habe ich aber einen relativ wertfreien Zugang, weil ich als Kind nie wirklich katholisch gelitten habe. Ich bin nie gezwungen worden, in die Kirche zu gehen, war nie Ministrant. Ich bin bloß am Land neben einer Kirche aufgewachsen und die hat eine Rolle gespielt, weil man einfach immer die Glocken gehört hat - genau dann wenn Sportschau war.

Hattest Du eine bestimmte Ambition, einen Auslöser beim Schreiben zu "Scala Santa"?
Nein, Auslöser beim Schreiben gibt es eigentlich nicht bei mir- es staut sich einfach, es sammelt sich in mir sehr viel, während ich durchs Leben gehe. Die Grundidee war schon die Mutzenbacher neu zu schreiben. Das habe ich relativ lange mit mir herumgetragen und wie bei einem Stausee, der angestochen wird, sprudelt‘s dann aus mir heraus. In welche Richtung das fließt, weiß ich oft nicht, ich schreibe dem quasi hinterher. Mir laufen die Personen immer irgendwie davon, so lebe ich während des Schreibens mit.

Wie bist Du auf die Mutzenbacher gekommen?
Es gibt eine Auflistung aller pornographisch kommentierter Wörter aus dem Wienerischen von Oswald Wiener, in der irre Bezeichnungen erklärt werden. Das hat mich ziemlich fasziniert, also habe ich den Text der Mutzenbacher gelesen. Der hat mir ganz gut gefallen, ich habe ihn als Sozialstudie und humorigen Text empfunden.

Im Buch wird ein großes Spektrum an Sexualität aufgegriffen – wie recherchierst Du diese Dinge?
Ich kann mir das im Geist sehr gut vorstellen (lacht), nein, es fällt mir nicht schwer mich auf einen Fetisch und in Folge stark auf einen Gedanken zu konzentrieren, um ihn weiterzuspinnen- dann komme ich von selber auf die skurrilen Seiten, die damit verbunden sind.

Trotz intensiven Lesens – eine Kernaussage ist Dir auch in "Scala Santa" nicht wichtig.
Wenn ich eine Kernaussage hätte, würde ich mit ihr auf einem Transparent durch die Welt gehen. Da müßte ich kein Buch schreiben. Es ist eher schon der Versuch, die Welt zu verstehen, in der großen Prosa zu generieren. und ein eigenes Spektrum an Lebensformen in ein Buch zu bringen, um bis zu einem gewissen Grad Welt abzubilden.

Du spielst mit Sprache und erzeugst immer wieder neue Wortschöpfungen – ist das Franzobels individueller Stil?
Mich stößt knappe Sprache ab. Der Rhythmus ergibt meine Form von Richtigkeit. Dieser Sprachgebrauch gibt eine intuitive Stimmung wieder, die wiederum bestimmt, welches Wort wann verwendet wird.

Wann hast Du dich für den Titel des Buches entschlossen?
Der eigentliche Arbeitstitel war "Freaks". Ich wollte die Ausgangsidee der Mutzenbacher hineinbringen, die bei mir eben Wurznbacher heißt. Für den Haupttitel spielte sie dann aber doch eine zu geringe Rolle. Der eigentliche Titel sollte nicht zuviel verraten und "Scala Santa" klingt interessant. Die Entscheidung erfolgte schließlich aus dem Bauch heraus, als ich fertig war.

Hast Du eine persönliche Lieblingsfigur oder stehen sie gleichwertig nebeneinander?
Eine gewisse Grundsympathie, aber auch ein Ekel verbindet mich mit jeder Figur. Es ist wohl eine Mischung aus beiden, ich komme mir vor wie ein Insektenforscher, der seine aufgespießten Objekte vor sich hat. Es ist sicherlich auch ein Versuch Schicksal zu verstehen, diverse Schicksalsschläge durch diese Figuren aufzubereiten.

Wo siehst Du Dich in der österreichischen Autorenriege ?
Mir ähnlich wäre die Elfriede Jelinek, das haben mir zumindest schon sehr viele Leute gesagt. Die Jelinek kann ich aber überhaupt nicht lesen, weil sie eine mir zu ähnliche Form der Bild-Findung hat – wobei sie sicher nicht meinen Humor hat und politisch andere Dinge erreichen will. Es ist mir aber unmöglich mehr als drei Seiten Jelinek zu lesen, weil ich den Eindruck habe die Metapher könnte von mir auch stammen.


Seitdem er den Bachmann-Preis 1995 gewann, ist er vielen Literaturinsidern ein Begriff geworden: Franzobel.  Das Sprachgenie, das die österreichische Literaturlandschaft nicht nur  bereichert; sondern wohl ihr besonderer Fixstern ist.



Franzobel: Ein Autor ohne Allüren  

Von Jürgen Heimlich

Ungeheuerlichkeiten brennen sich ins Hirn.
Ein Konglomerat des Schreckens.
Menschen schälen sich aus ihren Kostümen, und verstricken sich in Perversion.
Nichts für Zartbesaitete.


Mitten in die Sintflut fleischgewordener Satzkunstwerke schraubt sich eine an Krimis gemahnende Geschichte hinein, die unbarmherzig das Nervenkostüm des Lesers bis zur letzten Faser flattern lässt. Noch ganz frisch war mein Eindruck von diesem genialen, skandalträchtigen Werk "Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt", als ich dem Verkünder dieser Offenbarung apokalyptischen Ausmaßes (im Jahre 2000 in seinem Stammlokal) persönlich begegnete.



Nach einem kleinen Exkurs, die Montage von Küchenmöbeln betreffend, womit er an diesem Tag (8 Jahre und 353 Tage vor dem Stillstand, an dem sämtliche Geschöpfe den Atem anhalten werden, um eine neue Zeit einzuleiten) viele Stunden verbracht hatte, brach das Eis in Windeseile, da sein Name zum Gegenstand des Interesses wurde:

Franz steht für den Vornamen seines Vaters, der an der Montage der Küche einen Hauptanteil haben mochte; Zobel für den Mädchennamen der Mutter, der für sich selbst spricht.

Namen sind eine seltsame Sache, die eine Identifikation eher behindere als fördere; also entschied er sich schon in Hauptschulzeiten aus Stefan Griebl "Franzobel" werden zu lassen. Ein Name, der aus den Abgründen seines Unterbewusstseins hervorleuchtete, und zweifelsfrei seinen Eltern ein positives Zeugnis attestiert.

Seine Kindheit verbrachte er in einem kleinen Dorf, wo er im Schatten einer Kirche aufwuchs. Etwa mit 15 begann er, sich für Schreiben zu interessieren; aber erst mit 20 entschied er, dieser Kunst ernsthaft anzuhängen. Seine erste künstlerische Ambition war die Malerei. Er stellte in einer Galerie Bilder aus, die eine sehr individuelle Note aufwiesen. Irgendwie, so berichtete er, handelte es sich um ein und das selbe Bild, das in vielen verschiedenen Varianten geschaffen worden war, wobei es eine Intention war, die Konturen zu verkehren. Eine eigenwillige Art des Malens, die in dieser Art und Weise zuvor noch niemand gewagt haben mag. Er malte Weiß auf schwarzem Hintergrund und definierte damit die Dimensionen neu. Aber es kam die Zeit, wo die Malerei vom Schreiben in den Hintergrund getrieben wurde. Der absolute Höhepunkt dieses Schreibens ist wohl jener der Josefine Wurznbacher, der sich im Haupttitel "Scala Santa" wiederspiegelt. Hatte er früher insbesonders die Sprachkomposition in den Vordergrund gestellt; so fügte sich nunmehr nahtlos ein mächtiger Inhalt ein, der eine Ganzheit genialer Prosa erzeugt.

Franzobel gab bereitwillig über die Hauptfragen Auskunft, die das Buch aufwirft.

"Der Arbeitstitel des Romans war 'Freaks'. Jeder hat sein eigenes Wertesystem; seine eigene Verrücktheit, in der er lebt, und die absolut gesetzt wird. Wir sind gar nicht so leicht in der Lage, Menschen ernst zu nehmen. Wenn man diesen Alltagswahnsinn wirklich ernst nehmen würde, der sich abspielt, dann erschrickt man sehr."

Im Gegensatz dazu die fiktionale Realität, die den Konstruktivismus abstreitet.

"Der normale Mensch ist laut statistischem Jahrbuch. Es wird uns so eine Pseudonormalität durch das Werbefernsehen vorgespielt. Im Prinzip ist es so, dass diese Menschen in der Wirklichkeit nicht existieren. Ein Abziehbild des Kapitalismus, der nicht sein kann. Diese perfekten Leute, die dem Modus entsprechen, haben dann auch Probleme, weil die Haarspitzen gespalten sind usw. Es entstehen aus Winzigkeiten unheimliche Probleme, und sie sind genauso unglücklich wie alle anderen."

Faszinierend die Grundhaltung, die für sein Schreiben allgemein bestimmend ist.

"Es gibt viele Figuren (in dem Roman), die sich aus zwei oder drei Personen zusammensetzen. Oder zumindest gewisse Eigenschaften dieser Personen verkörpern. Und Bekannte von mir sind, von denen ich gewisse Dinge übernommen habe. Ich kann mich bis zu einem gewissen Grad recht gut in die Perspektiven der Figuren hineinversetzen. Weil es schwer ist, über das Klischee hinauszukommen, das eine Haltung hat, muss man die Personen ernst nehmen und auch wieder nicht ernst nehmen. Das ist so ein komischer Mittelweg. Ich schreibe immer so, dass ich in die Leute hineinschlüpfe. Ein Ich gibt es in meinen Prosatexten eigentlich überhaupt nie."

Von entscheidender, das Buch voll durchdringender Intensität, sind die sehr kontroversen Themen Katholizismus und Sexualität, die wie Querschläger einander ergänzen.

"Ich bin sehr unbefangen mit dieser Religion aufgewachsen und aber doch sehr durchdrängt, weil es in Österreich präsent ist. Schon im Klassenzimmer hängt der Gekreuzigte, der halbnackte Gekreuzigte. Man entkommt dem nicht. Glauben ist andererseits eine Sache, die ich sehr bewundere. Ich bewundere Menschen, die sich hingeben können; bin aber selbst dazu nicht wirklich in der Lage. Dazu bin ich zu skeptisch, dass ich es völlig akzeptieren könnte.
Wegen dieser Verbrechen, die geschehen sind im Namen der Kirche. Das System Glauben steht quasi über allen anderen Systemen, womit man mit Logik nicht wirklich ankommt.
Es handelt sich sozusagen um ein Übersystem, das für Menschen vielleicht nicht unwichtig wäre. Ich weigere mich, diese kirchlichen, katholischen Verrücktheiten oder Dogmen, die darauf hinauslaufen, dass nur die Kirche im Besitz der Wahrheit ist und bestimmt, was gemacht wird, anzuerkennen. Weil ich das aber selbst nicht so durchlitten habe, kann ich es ein bisschen witzig nehmen. Viele kleine Punkte in dieser heiligen Geschichte sind ja grotesk und absurd. Zum Beispiel mit der heiligen Agnes, der auf einmal die Haare wachsen, was wörtlich genommen wird.
Und dies mit der Sexualität zu verbinden. Es ist irgendwie so eine leichte Utopie, die mir vorschwebt. Von einer sinnlichen Religion oder religiösen Sinnlichkeit. Weil ja umgekehrt das Pornographische gegenwärtig kaum mehr etwas Verbotenes hat und total verkauft wird.
Die Sexualität hat kaum mehr ein Geheimnis oder etwas Heiliges, oder etwas, dem man mit Respekt begegnen könnte. Es ist reine Geschäftemacherei. Man geht raus auf die Straße und sieht sofort lauter Titten und nackte Ärsche, denen man nicht entfliehen kann, und die einem besonders als Mann den ganzen Tag versauen können.
Ich selbst bin auf dem Weg zu einem persönlichen Glauben und bemühe mich. Aber es ist so ein Individualglaube, der vielleicht buddhistisch ist. Ich denke mir oft: vielleicht hat der Glaube nur den Sinn, die Todesstunde zu überstehen. Dafür ist er natürlich sehr gut.
Es scheint mir so, als ob die Menschen, um so näher sie dem Alter kommen, wo der Tod in Aussicht steht, gläubiger werden."

Ein Wagnis, das er mit unglaublicher Leichtigkeit zu meistern scheint, sind die zahlreichen Tabubrüche, deren Überwindungsmöglichkeit, ja Sublimierung er exakt definiert.

"Es bereitet mir keine Wahnsinnsprobleme, eine Leichenschändung niederzuschreiben. Ich schreibe das im Moment, imaginiere es; und das ist ja nicht wirklich Realität; es ist so eine Art Ersatzrealität. Ich habe schon ziemlich viele Horrorfilme gesehen und Bücher über Massenmörder gelesen. Aus einer gewissen Neugier heraus, weil ich das ganz extrem finde, tue ich mir das an. Beispiel Holocaust: Alle Schranken jeglicher Moral fallen weg; dann passieren absolut schreckliche Dinge, die man in einem normalen Denksystem nicht mehr fassen kann. Wenn man die anerzogene Moral wegklappt, die man hat, dann sinkt alles ins Bodenlose. Und dem Mechanismus, der hier mitspielt, bin ich irgendwie auf der Schliche.
Und wenn diese anerzogene Moral wegfällt, dann kann man Untaten durchaus schreiben, ohne erstaunlicherweise viel dabei zu empfinden. Es existiert eine rein literarische Empfindung, die man braucht, weil sonst würde literarisch nichts funktionieren. Es bekommt eine Kälte der Beobachtung, als wäre man ein Insektenforscher."

Eine Voraussetzung dafür, dass "Scala Santa" auf ungewöhnliche Weise mit Bibelstellen korrespondiert, ist die sehr persönliche Sichtweise Franzobels die Heilige Schrift betreffend.

"Man sagt nicht umsonst, dass die Bibel das Buch der Bücher ist. Sie ist, so finde ich, literarisch unheimlich interessant. Die Rosenzweig-Buber-Übersetzung ist literarisch ganz besonders kräftig. Diese ganzen Genealogien, die am Anfang vorkommen - über 100.000 Geschlechter; das hat etwas von moderner Poesie, von konkreter Poesie. Es ist auch ein Abenteuerbuch, weil die Bibel unheimlich dicht ist. Leute werden erschlagen, Städte vernichtet; es passieren einfach sehr viele Geschichten. Das finde ich insgesamt sehr ergiebig. Ich bin damit aufgewachsen und habe viel davon mitbekommen, lese aber eher peripher in der Bibel; nicht unbedingt regelmäßig. Wobei mich das Alte Testament irgendwie mehr fasziniert als das Neue."

Während der Roman über weite Strecken in Wien angesiedelt ist, spielt er sich schlussendlich in Rom ab, wo sich ja auch die Scala Santa befindet. Alles verdichtet sich zu einer gigantischen, an verrückte Erlösung gemahnenden Orgie, die auf den Stufen der Scala Santa ihr Ende findet und die Buße in ein Schauspiel des Irrsinns verwandelt.

"Einen Teil des Buches schrieb ich in Rom. Ich war dort etwa dreieinhalb Monate. Rom ist für mich eine sehr faszinierende Stadt, die von einer Doppelmoral zeugt. Auf der Scala Santa sind ja wirklich die Gläubigen, die dort unheimlich Buße tun; ganz emphatisch und inbrünstig; man nimmt ihnen das auch ab und bewundert, wie sie ganz enthusiastisch die Stufen hinaufbeten. Und dann sieht man andererseits doch, wenn sie die Nebenstiegen runtergehen, dass sie sich die Krawatte richten und für den nächsten Seitensprung bereit sind. Die Doppelmoral ist, so denke ich, in Italien ziemlich extrem. Andererseits war ich vor kurzem in Polen. Und da hat mich richtiggehend der Schlag getroffen. Ich war in Krakau, wo der Papst herkommt. In den Kirchen dort knien ständig mindestens 50 Menschen, so scheint es, sowohl am Tag als auch in der Nacht am Steinboden und beten ganz inbrünstig zum (Seiten-)Altar hin. Und auch junge Leute; quer durch alle Schichten. Das war für mich sehr faszinierend ...
Mit dem Begriff der Buße hat es der Katholizismus immer sehr gut verstanden, sich die Leute untertan zu machen. Ich glaube nicht an die Sünde, da es sich hier um einen sehr fragwürdigen Begriff handelt. Man kann sicher auch bewusst sündigen; aber meist sündigt man nicht bewusst, sondern man wird irgendwie zu einer Handlung getrieben. Der extreme Katholizismus arbeitet sehr viel mit Verboten. Und alles, was verboten ist, wird ja besonders reizvoll. Die Versuchung kann da schon sehr stark sein."

Wenngleich Franzobel der Ansicht ist, dass es eine Quintessenz nicht geben kann, die das Buch auflöst und erklärlich macht, da sich dadurch die Schreibarbeit selbst sozusagen ad absurdum führen würde, ist es ihm doch ein Anliegen, dem Leser einiges an Nachdenken mitzugeben.

"Die Umfragung der Werte. Dass man nicht alles glaubt, was man vorgesetzt bekommt. Und auch die Hinterfragung des Kapitalismus, der sehr dominant ist. Oder das Suchen nach einer Lebenssinndefinition. Es wäre gut, wenn das die Leser aufnehmen würden und dann vielleicht die Realität anders wahrnehmen könnten. Das ist so ein leichter, poetischer Rausch für mich, der versucht, die Welt anders zu sehen. Das ist es, das sich in mir abgespielt hat. Ich habe die Wirklichkeit selber anders wahrgenommen."

Eine unheimlich interessante Geschichte rundete das Gespräch um "Scala Santa" herum ab. Es ging um die Frage, welche Motivation Franzobel hatte, dieses so erschreckende und gleichzeitig aufrüttelnde Werk zu schreiben; so viel Konzentration aufzuwenden, um den Restirrsinn darzustellen, der neben der Suche nach Geschlechtspartnern die Figuren umkreist und letztlich vernichtet.


"Die Ausgangssituation war zunächst einmal, die "Mutzenbacher" neu zu schreiben. Ich habe die "Mutzenbacher" gelesen, und bin darauf gekommen, dass das Buch eine einzige Anstiftung zum Kindesmissbrauch ist. Weil die Josefine Mutzenbacher im Buch nur zwischen sechs und zwölf Jahre alt ist. Parallel dazu habe ich Erfahrungsberichte von einer multiplen Persönlichkeit gelesen, die vergewaltigt worden ist. Es hat mich von der Hirnforschung her wahnsinnig interessiert, dass sich irrsinnig viele Persönlichkeiten in ihr entwickelt haben. Sie hat nicht mehr gewusst, wer sie selbst ist, und was die einzelnen Menschen in ihr tun. Die Eine hat Rechnungen gemacht und die Andere den Briefverkehr erledigt. Die Dritte ist arbeiten gegangen. Die Vierte hat die Beziehung mit dem Mann bestritten. Sie ist aufgewacht von einer Person in die andere und hatte dann plötzlich andere Lieblingsgetränke. Sprang derartig in sich herum, dass sie nie wirklich bei sich war. Es war mir völlig neu, dass es so etwas wirklich gibt. Und diese Dinge miteinander zu verbinden, war die Ausgangsschreibmotivation."

Franzobel zeigte sich sehr kooperativ. Der Abend schritt in rasendem Tempo fort, was den Autor nicht daran hinderte, weitere Fragen zu beantworten, die auf ihn ungebrochen niederprasselten.
Diese fröhliche Bereitschaft machte einen besonderen Eindruck auf mich und soll somit entsprechend gewürdigt werden. Nunmehr bewegten wir uns von seinem genialen Werk fort, um auf teils allgemeine, teils persönliche Komponenten zu sprechen zu kommen.

An dem Roman schrieb er in Etappen, sodass er immer wieder nach zwei bis drei Monaten intensiver Arbeit daran wiederum zwei bis drei Monate Pausen einlegte. Insgesamt hielt diese Schaffensperiode drei bis vier Jahre an. Allerdings ist er selbst während der zwischenzeitlichen Ruhezeiten, in denen er sich innerlich zu sammeln versucht, keineswegs untätig, sondern erledigt jene kleineren Projekte, die (für einen Meister der Sprache wie ihn) nur wenig beschwerlich sind. So verfasst er Theaterstücke und Essays.
Die Protagonisten Kafka und Phettberg ließ er auf der Bühne erscheinen. Der persönliche Bezug zu diesen so verschiedenen Menschen besteht darin, dass er die Möglichkeiten einer Identifikation erwog. Ihn interessiere der Phettberg und Kafka in uns selbst. Wobei er die Person Kafka in ein positives Licht rückte und Phettberg einen Erlöserstatus zuerkannte.

Franzobel ist begeisterter Freizeitfußballer, der dieses Hobby mit einigen Gleichgesinnten teilt. Es ist ein herrliches Mittel zum Stressabbau. Vor mittlerweile einigen Jahren schrieb er einen Essay, der sich mit der Tatsache auseinandersetzt, dass die Vorlieben der Menschen immer wieder Veränderungen unterworfen sind; nur der Lieblingsfußballverein, der schon von Kindheit an als ein beständiger Teil der Lebenskultur des (in erster Linie) Mannes gilt, bleibt als bedeutende Konstante der fortschreitenden inneren Entwicklung erhalten. Franzobel selbst mutierte schon im Alter von 10 Jahren zu einem Fan der Mannschaften Ipswich, Kaiserslautern und Rapid, da es in seiner Hauptschulklasse verpönt war, diesbezüglich keine Begeisterung zu zeigen. Selbst jetzt interessiert ihn nach wie vor, welche Ergebnisse diese Fußballteams erzielen. Neben dem Fußball ist ja seine Vorliebe für das Radfahren längst kein Geheimnis mehr.

Die Farbe Schwarz, der er mittels eines Essays (geschrieben anlässlich einer Ausstellung, die in Graz im Jahre 1999 stattfand) ein literarisches Denkmal setzte, bevorzugt er zwar bei seiner Kleidung, da sie sehr neutrale Eigenschaften besitze; grundsätzlich tendiert er aber eher zu orange, was sich wohl als Überraschung erweist; schwarze Wände oder schwarze Möbel in seiner Wohnung könne er sich überhaupt nicht vorstellen; und er trinkt auch keinen schwarzen Kaffee.




Den neuen Medien gegenüber ist er noch ein wenig kritisch eingestellt. Da er seit kurzem einen Internetanschluss hat, ist er grundsätzlich interessiert. Das Buch hat für ihn jedoch oberste Priorität. Der Flut von Texten im Internet ist ihm nicht ganz geheuer. Irgendwie kommt dabei letztlich doch immer das Gleiche heraus. Er ist, wie er mit einem verschmitzten Lächeln zugibt, wohl traditionell eingestellt, was sich aber ohne Weiteres ändern könnte. Er findet es schon traurig genug, dass der Stellenwert des Buches in der heutigen Zeit ohnehin mehr und mehr absinkt. Und die meisten literarischen Texte im Internet werden ohnehin nicht gelesen.

An einen Erfolg beim Bachmann-Preis hätte er nie gedacht. Mit totaler Konsequenz, so findet er, könne es disziplinierten Autoren gelingen, irgendwann einmal Anerkennung zu finden. Es gibt immer wieder kleine Chancen, die man wahrnehmen könne. Sozusagen langsam die Sprossenleitern des äußeren Erfolges hinaufkletternd. Wobei er darauf verwies, dass der Gewinn bei einem Literaturwettbewerb eine wichtige Voraussetzung darstelle, da sich ansonsten die Aufmerksamkeit der Menschen, die literaturförderlich agieren, kaum auf unbekannte Autoren richten werde.

Sehr ermunternd ist seine Einstellung zu literarischen Vorbildern und der Literatur im Allgemeinen.

"Eigentlich sind alle Autoren Vorbilder. Was Romane anlangt, finde ich  Doderer relativ spannend. Dem glückt es gut, einen großen Roman zu schreiben und dabei nicht trivial zu sein. Es ist sehr schwierig, sprachbewusst die Moderne einzubeziehen. Die Erfahrung 'Zweiter Weltkrieg' zum Beispiel. Man kann jetzt nicht mehr so schreiben, wie es Dostojewski praktiziert hat. Diese Zeiten sind vorbei. Und neue Formen von Prosa zu finden, ist den Wenigsten geglückt. Sowohl der "Mann ohne Eigenschaften" als auch der "Ulysses" sind für mich eher gescheitert. Man liest das, weil man es lesen muss; aber nicht unbedingt, weil man da durchwill. Das soll aber keine Beleidigung sein. Diese Romane sind für mich einfach keine Lösung; vielleicht manchmal im Detail; aber nicht in ihrer Gesamtheit. Und sind in diesem Sinne keine Vorbildromane. Wie gesagt; diese Kombination glückt selten. Ich denke mir, dass in der Literatur alles irgendwie schon einmal da war, aber durch den eigenen Stil doch wieder neu wird."

Die Diskussion, die anlässlich der Literaturkritik entbrannte, der er als Autor natürlich ausgesetzt ist, erwies sich als besonders konstruktiv, und darf darum in diesem Porträt als wichtiger Punkt nicht fehlen.

"Es ist ein unheimlicher Ansporn, wenn man verrissen wird. Mich ärgert das wahnsinnig. Man hat den Eindruck, als wäre es ein Angriff auf die eigene Person. Man wird sozusagen vernichtet. Alles, was man tut, gilt plötzlich nichts; ein völliger Fehlschlag. Die Kritiker werden dann oft bösartig. Das ist für mich aber schon eher eine Motivation. Ich schneide mir diese Kritiken aus, bewahre sie auf und vergesse sie dann wieder. Wobei ich jetzt das Glück habe, ziemlich viel kritisiert zu werden. Es ist immer so: Wenn die nächste Kritik kommt, ist die vorherige vergessen. Ganz am Anfang war es mir wichtiger, verrissen zu werden. Dadurch habe ich bemerkt, dass ich wahrgenommen werde. Ich glaube nach wie vor, dass ein Verriss immer noch besser ist, als gar nicht vorzukommen, weil Kritiken ohnehin von wenigen Menschen gelesen werden. Man überschätzt die Kritik ziemlich. Die meisten Menschen lesen ja ohnehin nur darüber hinweg. Ich merke es ja bei mir selbst; ich schaue mir erst mal an, um wen es geht und lese dann oft nur den Anfang und den Schluss."





Franzobel gibt gern Interviews. Es passiert nur äußerst selten, dass er eines verweigern würde, und das nur dann, wenn es ihm zu viel wird. Er sprach wie ein Freund, dem es Spaß macht, von sich und seiner Welt zu berichten. Ein Dichter, der in seinem eigenen Universum schwebt, dessen Expansion schon sehr weit fortgeschritten ist. Und der mit sehr viel Freundlichkeit andere Menschen in dieses Universum einlädt. Dies macht es für mich noch wichtiger und leichter, abschließend zu erklären, dass es Franzobel gemessen an seiner Sprachvirtuosität verdient, als Ikone der österreichischen Literatur der Gegenwart bezeichnet zu werden.



Leseprobe:

Franzobel - "Mundial. Gebete an den Fußballgott."

Vielleicht hat besonders Fußball - wie tendenziell auch jeder andere Mannschaftssport - etwas mit dem Ersatz der Großfamilie zu tun, der Sippe. Was in einer föderalistisch-ländlichen Struktur in Bauer, Großknecht, Knecht und Depp unterteilt war, wird im während der Industrialisierung entstandenen Fußball als Spielmacher, Stürmer, Mittelfeldspieler, Vorstopper, etc. numeriert. Daneben gibt es Kaiser, Herzöge und Wohlfahrt, Manager, Trainer, Platzwart. Was früher in der Gemeinschaft und ihren festen Sitten und Gebräuchen Ordnung und Kodex fand, ist den Holzhackern und Bloßfüßigen im FIFA-Regelwerk ans Bein gestrengt. Waren die Vollstrecker dieser Gerichtsbarkeit im wirklichen Mittelalter mit Strafverfügungen wie Prügel, Essensentzug und Entkommunizierung ausgestattet, haben die Instanzen im Fußball bloß gelbe und rote Karten, die vielleicht für Fegefeuer und Hölle stehen. Wie das Recht galt auch das Fußballregelwerk lange Zeit als gottgegeben, bis man vor einigen Jahren, zum Unmut vieler, einige Modifikationen durchführte (Rückpassregel, Abseits auf gleicher Höhe, etc.). Für das Abseits, das Abc für die Analphabeten unter den Zusehern, sind übrigens die im Österreichischen als Outwachler umkosten Linienrichter zuständig, deren dubiose Rolle vor allem darin besteht, Vergehen anzuzeigen - vergleichbar vielleicht den Hinweisanrufern der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst. Ist es also ein Trieb nach Sippe, nach Gemeinschaft, menschelnder Wärme und Brut, der die Anhänger zu den Vereinen strömen lässt, die Menschen für den Fußball interessiert? Ich vermute es. Wird doch hier eine Ordnung vorgelebt mit einem System von Gut und Böse, einigermaßen festen Regeln, einer in Punkten messbaren Zählbarkeit, die in vielen anderen Segmenten der Gesellschaft ins Wanken, Umspringen und Undeutliche geraten ist. Im Fußball steht sie fest. Es gibt eine Tabelle, Nah- und Fernziele, den Abstiegskampf, die Meisterschaft. Und das ist wohl ein weiterer Punkt, der diesen Sport so populär macht - auch oder gerade unter Schriftstellern: man kann darüber reden, ohne sich gleich zu veräußern.