treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

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FEMI  KUTI

Fela Kutis Erbe. POSITIVE FORCE

Femi Anikulapo Kuti ist der Sohn des nigerianischen Afrobeat-Superstars Fela Anikulapo Kuti. Femi macht schon seit 1985 auf der Bühne auf sich aufmerksam, damals noch neben seinem Vater. Nach dessen Tod im Jahre 1997 tritt er in dessen Fußstapfen, die angesichts von Femis Talent keineswegs als zu groß erscheinen.
Seine Musik lebt von afrikanischen Rhythmen, vom ergänzenden Backing-Gesang, den Bläsern und der          Energie einer von sich überzeugten Gruppe von Musikern. Femi Kuti läßt einen lachen, weinen und bis zum Umfallen tanzen - je nachdem, in welche Tiefe der Musik man sich vorwagt.

Femi Kuti, der Sohn der Afro–beat Legende Fela Kuti, startet seine Bühnenkarriere in der Band seines Vaters. 1986 gründet Femi seine eigene Band – The Positive Force – und entwickelt sich mit ihr weiter und aus dem Schatten der Musik seines übermächtigen Vaters hinaus. Als Mowtown ihm einen Plattenvertrag anbietet, hat Femi endlich die Möglichkeit seinen percussiven Mix aus Jazz- und Funkmusik, gewürzt mit dem politischen Engagement seines Vaters, einer breiten, internationalen Öffentlichkeit zu präsentieren.
Über die Jahre etabliert sich Femi in der Musikszene und veröffentlicht 2002 - nach den Alben „Femi Kuti“ (1995), „Shoki Shoki“ (1999) und „Shoki Remixed“ (2000) – sein drittes Album „Fight to Win“. Auf diesem Album lassen sich Rapgrößen wie Mos Def und Common hören. Auf der Bühne spielt Femi puren power Afro-Beat – Bläsersection (die Kutis spielen Saxophon), Perkussion, Call-and-Respond Gesänge, Keyboards und drei tanzende Ladies bringen den Saal zum kochen.





Am 14. April hat Femi Kuti, der Sohn und legitime musikalische Erbe von Fela Anikulapo Kuti, mit seiner Band Positive Force ein begeisterndes Konzert im Kölner "Stadtgarten" gegeben. Jan Ü. Krauthäuser, der in derselben Location gemeinsam mit seinem Kollegen Francis Gay die schon legendären "Yallah"-Events auf die Bühne bringt und freier Mitarbeiter bei "Jazz Thing" und "Blue Rhythm" ist, hat das Spektakel für uns beobachtet, sowie ein Gespräch mit Femi geführt. Ein Konzertbericht, der mehr als nur ein paar Sinneseindrücke vermittelt.
           

Zwei Jahre sind vergangen, seit ich Femi Kuti auf einem grandiosen Live-Gig in der Kölner "Live Music Hall" das letzte Mal gesehen habe. Zwei harte Jahre, in denen er seinen Vater, seinen Cousin und seine geliebte Schwester Olusoladegbin, die ihn damals noch auf der Bühne begleitete, verloren hat. Er hat ihnen seine CD Shoki Shoki gewidmet, die in dieser Zeit entstanden ist. Es ist ein druckvolles Dance-Album mit überwiegend politischen Texten. Innehalten und Klagen ist nicht die Sache der Familie Kuti, jener unbeugsamen Sippe, die schon in der vierten Generation gegen koloniale und postkoloniale Despoten in Nigeria kämpft. Nach einer kurzen Phase der Hoffnung auf politische Liberalisierung nach dem Tode Abachas, gründete Femi vor einigen Wochen mit Freunden das "Movement Against Second Slavery" - M.A.S.S. Künstler, Intellektuelle und auch Fußballer wollen auf die unhaltbaren Mißstände in Nigeria und anderen afrikanischen Staaten aufmerksam machen und für einen demokratischen panafrikanischen Weg werben.


Wie nötig das ist zeigt die erneute Wahl von Obansanjo zum nigerianischen Präsidenten. Es ist der gleiche Diktator, dessen Soldaten vor ca. zwanzig Jahren das Haus Fela Kutis anzündeten und dessen legendäre Mutter Funmilayo (eine große Freiheitskämpferin und Frauenrechtlerin) töteten. Der Kampf der Aktivisten um Femi Kuti ist weder theoretisch noch militant. Im Zentrum steht eine beispiellose Musikkultur: "Afrobeat ist die Musik der Leute", sagt Femi. "Afrobeat hat ihnen die Wahrnehmung für ihre Umgebung geschärft. Afrobeat steht für den Kampf gegen die Regierung. Afrobeat bedeutet Freiheit. Afrobeat ist eine Waffe!"



"Music is a Weapon to the Future", das Vermächtnis des Afrobeat-Erfinders Fela Anikulapo Kuti ist auf seinen Sohn übergegangen, der nicht nur dessen Musikalität, sondern auch dessen Beharrlichkeit geerbt hat. Eine Beharrlichkeit die ihm geholfen auch hat, den langen Weg im Schatten des "gottgleichen" Vaters (viele Nigerianer verehren ihn ernsthaft als Gott) durchzuhalten. Femi erzählt uns vor seinem Konzert im "Stadtgarten" sehr ruhig und offen von seinem Kampf um das Publikum in Nigeria, von den Schmutzkampagnen der Presse, die ihm in Lagos den Schlaf rauben, aber er erzählt auch vom Lohn der Geduld, der ihm sowohl beim heimischem Publikum zuteil wird, als auch in Europa, wo er zur Zeit eine Titelstory nach der anderen erntet (ein ausführliches Interview erscheint in Kürze in BlueRhythm/JazzThing. Neben der ersten wirklich guten CD, die den Afrobeat bis (fast) hin zur Radio- und Club-Tauglichkeit komprimiert hat, ist das große Interesse sicher auch in der ganzheitlichen Botschaft seiner Musik und seiner Persönlichkeit begründet.

Vier Bläser, E-Gitarre, E-Bass und Keyboards bilden die eine Hälfte von Positive Force, der Band, mit der Femi bereits seit gut zehn Jahren auf der Bühne steht. Die andere Hälfte gehört dem Rhythmus: Schlagzeug, drei Percussionisten - dabei auch eine fast vier Meter lange reichverzierte Baß-Trommel - und drei Tänzerinnen, die natürlich auch für Chorgesang und kleine Rhythmus-Instrumente zuständig sind. Vierzehn ausgezeichnete Musiker, die besten, afrikanisch veredelten Seventies-Funk auf die Bühne des ausverkauften Kölner "Stadtgartens" zaubern. Und dann kommt Femi Kuti, der neue "King of Afrobeat", angerannt, ein wendiger Athlet in Gestik, Wort und Saxophonspiel, der sofort das Publikum in die Show einbezieht. Keine Viertelstunde nach Konzertbeginn, wird bereits mitgeklatscht und -gesungen, der Afrobeat-Party-Express ist in voller Fahrt. Daß diese Musik, diese Synthese aus amerikanischer Black Music mit diversen westafrikanischen Traditionen, ein Live-Event ist, deutet schon die Länge der Stücke an. Nichts geht unter zwanzig Minuten. Jeder Song besteht aus einem Groove-Thema, diversen Instrumental-Riffs (von oft Subrefrain-artiger Prägnanz), gesungenen und gesprochenen Lyrics (nicht selten mit eingeschobenen Erklärungen) und einem prächtigen Refrain, zu dem sich alle Melodie-Instrumente und Stimmen verdichten. Dann gibt es noch die Soli, kleine Flirts mit dem kollektiven Groove-Körper, oder kraftvolle Statements von Posaunist Tiwalade Ogunlowo, diversen Saxophon-Etagen oder dem unglaublichen E-Bass - leichtfüßig und variantenreich gespielt vom Benjamin der Kombo.



Femi ist der Chef im Kollektiv: kleine Gesten genügen, um Breaks und Sonderformate einzuleiten. Der Mann hat Spaß, politische Statements kommen zumeist ironisch, nicht selten gepaart mit Anzüglichkeiten: Sex, Humor und Spiritualität stehen dem politischen Aspekt dieser elektrisierenden Musik gleichberechtigt zur Seite, die es wie kaum eine andere schafft, im Zentrum der politschen Unmoral, im tödlich korrupten Multimillionen-Moloch Lagos zu überleben. Ein Bewegung, die seit gut drei Jahrzehnten als Kraftwerk der positiven Energie die Botschaft vom Überlebenswillen der afrikanischen Kultur, des Humanismus panafrikanischer Prägung in alle Welt sendet. Fast zynisch mag da der Gedanke wirken, daß es die authentische Ästhetik des Widerstandes ist, die diese Art von Jazz vor jeglicher Manierierheit bewahrt. Heikel auch die Frage, ob sich derart aufwendige Musik, die soeben im Begriff ist DJ-müdes Partypublikum zu betören, nur in der Isolation einer morbiden Diktatur überleben konnte. Versöhnen mag die Erkenntnis, daß an diesem Abend in Köln die Welt ein wenig zusammengerückt ist: Nord und Süd, Ethik und Ästhetik, Sex und Spiritualität oder eben "Music and Politics". Femi Kutis übermenschlich lange Tenorsax-Tonfolgen, die er neuerdings mittels Zirkularatmung herausschreit, verkörpern auch seine vielleicht stärkste Waffe: seinen langen Atem, seinen durch nichts zu bremsenden Kampf für die positiven Kräfte in seiner Heimat.

aus. JAZZECHO
Jan Ü. Krauthäuser