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Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

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Performance Tanz Poesie / OFFTANZ tirol

Die neueste Produktion von OFFTANZTIROL (vormals Tanz 41)
Tanz, Performance, Poesie: So lautet der Titel des aktuellen und Genre übergreifenden Tanzprojektes von OFFTANZTIROL (vormals Tanz 41), bei dem Eva Müller, Paolo Baccarani und Benito Marcelino gemeinsam mit mir als Autorin drei Stücke präsentieren werden, die trotz ihrer thematischen, bild- und körpersprachlichen Unterschiedlichkeit doch eine zentrale Gemeinsamkeit aufweisen. Denn alle drei Arbeiten sind letztlich das Ergebnis vielschichtiger Interaktionen, zwischen ich und du, innen und außen, Jung und Alt, Mann und Frau, Animus und Anima und dem, was Menschen bedingt durch ihre Herkunft und Rollen in den verschiedenen ihnen zugewiesenen geschichtlichen wie realen Räumen widerfährt, was sie ebendort behindert und bewegt.

Die Innsbrucker Tänzerin und Choreographin Eva Müller zeigt mit Chiaroscuro etwa jenes Solo, das sie heuer als Residenzkünstlerin des Festivals durch:formen und im Auftrag des Center for Choreography Bleiburg im Steinhaus von Günther Domenig am Ossiachersee erarbeitet hat. Das Stück repräsentiert dabei ihre ganz persönliche (weibliche) Antwort auf die gleichermaßen geniale wie einschüchternd dominante (männliche) Architektur und Atmosphäre dieses Künstlerhauses, bei der sie sowohl Sichtbares wie Unsichtbares, Offenkundiges wie Verborgenes, Bewusstes wie Verdrängtes, Wohlgefälliges wie Angst- und Schambesetztes auszuloten versuchte. In ihrer Performance entwickelte Müller über Kostüm und Körper eine Art Gegenarchitektur, mit der sie sowohl den manifesten wie den lauernden Gefühlskörpern in den jeweiligen Räumen zu begegnen bzw. mit diesen zu interagieren versuchte. Dabei spielt sie mit der Gewandarchitektur eines Reifrockes, schlüpft in die Rolle des Showgirls und (inter-)agiert zudem als wandlungsfähiges Gefühlsmedium.

Der aus Mailand stammende zeitgenössische Choreograph und Performer Paolo Baccarani nimmt in seiner 2015 entwickelten Soloperformance Europe on the Beach zwar unmissverständlich Bezug auf die zweifellos größte Flüchtlingsbewegung, mit der sich Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges konfrontiert sieht, er stellt sie aber gleichzeitig als ‚kolonialistische Erzählung’ in einen eindeutigen politischen und historischen Kontext. Baccarani schreckt dabei selbst vor einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft(sfamilie) nicht zurück, war doch sein Großvater nicht nur Faschist, sondern zudem noch Offizier im letzten italienisch-äthiopischen Kolonialkrieg. Die Krux des Problems findet er bezeichnenderweise bereits in den geistesgeschichtlich-mythologischen Ursprüngen unserer westlichen Zivilisation: Denn so wie einst das Schicksal der von Zeus entführten phönizischen Königstochter Europa am Strand von Sidon im heutigen Libanon seinen Lauf nahm (er setzte sie bekanntlich in Kreta ab), treibt es nunmehr die Opfer des von uns stillschweigend mitgetragenen Neokolonialismus an Europas Strände. Baccarani arbeitet bei Europe on the Beach übrigens nicht nur mit den klassischen Gestaltungs-mitteln der Performance wie Symbolik, Ritus, Überzeichnung, er verwendet für seine Interaktion mit dem Publikum auch biographisches Material und Videos des legendären niederländischen Konzeptkünstlers Bas Jan Ader.

Benito Marcelino, einst gefeierter Solist beim renommierten Stuttgarter Ballett und mittlerweile international gefragter Choreograph und Tanzcoach, ‚wagte’ sich in seinem Tanzstück an die Interaktion mit einigen meiner lyrischen Texte. Dafür übergab ich ihm zunächst den 2005 geschriebenen eRose-Zyklus, eine lyrische Paraphrase über die (missglückte) Begegnung von Eros und Psyche, welche mit dem Erwachen der Rose als sich selbst vermählter Braut endet. Da dieser Zyklus hauptsächlich die Gefühlswelten von Psyche und Aphrodite als deren Wächterin widerspiegelt und ich für das gemeinsame Projekt Interaction auch Eros eine Stimme geben wollte, schrieb ich für Benito diesen Sommer noch den Gegenzyklus ERos Reply. Der formte in seiner szenisch-choreographischen Umsetzung, für die er beide Zyklen ineinander verwob, ein dichtes Geflecht von innerpsychischen, zwischenmenschlichen, geschlechts- wie genreübergreifenden Interaktionen. So treffen Mann und Frau auf Mann im Frau und Frau im Mann, auf das eigene wie das andere innere Kind, trifft Liebe auf Eros, Gegenliebe auf Gegenwind, Schauspiel auf Tanz, Wort auf Musik. Marcelino wird in seiner ersten OFFTANZTIROL-Produktion freilich nicht nur inszenieren, sondern (als Ersatz für den leider verletzungsbedingt ausgefallenen Hauptdarsteller) auch selbst den Part des ER(os) übernehmen. Die Schauspielerin Luka Oberhammer spielt und tanzt sein weibliches Gegenüber, der 13-jährige Lorenz Weiss jene des inneren Kindes. Für die Rolle des Anteros (der Gegenliebe) konnte Marcelino zudem Constanze Korthals gewinnen, die Tanzbegeisterten noch als ausdrucksstarke Solotänzerin aus der Ära Birgit Scherzers am Tiroler Landestheater bestens in Erinnerung sein dürfte. Der 16-jährige Musikgymnasiast Eneas Leon Weiss wird ihren Auftritt mit Chopins Andante Spianato am Klavier begleiten. Marcelinos Ballettelevinnen Sibylle Moser, Tonja Sauper und Elisabeth Stoß verkörpern indessen die verschiedenen widerstreitenden emotionalen Stimmungen.

Performance Tanz Poesie ist die erste abendfüllende Produktion seit der Umbenennung des Vereins Tanz 41 in OFFTANZTIROL. Das erklärte Ziel des rührigen Vereins ist es, der ebenso lebendigen wie vielschichtigen freien Tanzszene einen entsprechenden Nährboden sowie ein professionelles Forum für Weiterentwicklung und Präsentation zu bieten. Der aktuelle Tanzabend Performance, Tanz, Poesie, der am 20. und 21. November im Haus Vier und Einzig über die Bühne gehen wird, ist zweifelsohne ein weiteres starkes Zeichen dieser künstlerischen Vielfalt.

Biographien:

Die gebürtige Innsbruckerin Eva Müller absolvierte ihre Ausbildung zur zeitgenössischen Bühnentänzerin und Tanzpädagogin an der Salzburger Experimental Academy of Dance. Anschließend besuchte sie die London Contemporary Dance School, die sie mit dem Bachelor of Arts (Honours) abschloss. Sie hat als Tänzerin, Performerin, Choreographin oder Tanzdozentin in und mit verschiedenen internationalen Kompanien gearbeitet, von 2001 bis 2010 war sie zudem Mitglied der renommierten Wiener company homunculus. 2000 gründete sie die Clown Fish Syndrome Dance Company, mit der sie primär Genre übergreifende Projekt realisiert. In letzter Zeit beschäftigte sich Eva, die auch Gründungsmitglied von OFFTANZTIROL ist, vermehrt mit ‚side specific’ Stücken, die den Einfluss von Architektur und Performances im öffentlichen Raum reflektieren. Gemeinsam mit Paolo Baccarani gestaltete sie 2014 für Tanz 41 (nunmehr OFFTANZTIROL) die abendfüllende Tanzperformance Spukhafte Fernwirkung und realisierte mit dem Künstlerkollektiv Columbus Next im Rahmen des Freien Theater Festivals Innsbruck-Tirol ihre zweite Opernproduktion. 2015 war sie Residenzkünstlerin des Center for Choreography Bleiburg/Pliberk. Hierbei entstand ihr aktuelles Solo chiaroscuro, das im Rahmen des Festivals durch:formen während der Langen Nacht des Tanzes in Bleiburg seine Uraufführung erlebte.

Der gebürtige Mailänder Paolo Baccarani studierte in seiner Jugend sowohl klassisches Ballett in Mailand, wie modernen und zeitgenössischen Tanz in Europa und New York. Er war zudem viele Jahre lang Choreograph und Tänzer in der bekannten italienischen Tanzkompanie Corte Sconta und tanzte mit ihr auf zahlreichen Tourneen in nahezu allen Kontinenten. Später tanzte er mit verschiedenen Kompanien, u.a. Tanz Company Gervasi (Wien), Jérôme Bel (F), Les gens d'Uterpan (F) sowie in eigenen Soloperformances. Außerdem unterrichtete er Tanz und Hatha Yoga im Rahmen von professionellen Tanzausbildungen. 2013 wirkte er im Tanzfilm Lafnetscha von Veronika Riz (I) und in der Tanzproduktion “und weil er sich dreht, kehrt der Wind zurück” von Anna Konjetzky (D) mit. 2014 choreographierte er zusammen mit Eva Müller die Tanzperformance Spukhafte Fernwirkung. 2015 entstanden die zwei Solos Europe on the Beach und Hommage an Gil Scott Heron. Baccarani ist ebenfalls Mitglied des Vereins OFFTANZTIROL (vormals TANZ 41).

Benito Marcelino. Der in Surinam geborene und in den Niederlanden aufgewachsene Wahltiroler erhielt seine Ballettausbildung in Amsterdam und New York und als Stipendiat der La Fondation Princesse in Monte Carlo Grace in Monaco. Er arbeitete mit führenden Choreograf/innen wie Jiri Kilian, William Forsythe, John Neumeier, Maurice Bejart, Uwe Scholz, David Bintley, Hans van Manen, Marcia Haydée, Nicholas Beriosoff, Robert North, Azari Plisetzky, Christian Spuck zusammen und tanzte u.a. für Marius Petipa, Kenneth MacMillan, Sergei M. Lifar, Sir Peter Wright, Glen Tetley und John Cranko. Als Tänzer und Choreograph hatte er im Bereich Oper u.a. Engagements an der Bayerischen Staatsoper (Uraufführung Venus und Adonis von Hans Werner Henze), der Oper Köln, De Nederlandse Opera, dem Teatro Carlo Felice, der Opera Monte Carlo, bei den Händel Festspielen in Karlsruhe, den Festwochen der Alten Musik in Innsbruck.  Am Tiroler Landestheater tanzte er ab 2006 mehrere Hauptpartien, zuletzt den Neptun in Mozarts Idomeneo. Seit 2002 arbeitet Benito Marcelino auch als Ballettlehrer und Coach in den USA, in Chile und Argentinien, Schweden, Holland, Deutschland, Monte Carlo, Italien, Spanien und Griechenland. Er ist Vorstandsmitglied des Vereins OFFTANZTIROL (ehemals TANZ 41).

Christine Frei, Jg. 1966, geboren in Baden-Württemberg, aufgewachsen in Deutschland und in Südtirol, lebt seit 1986 in Nordtirol. Studium der Germanistik und Geschichte, Post-Graduate-Ausbildungen in Kommunikation. Schreibt seit Mitte der neunziger Jahre, zunächst lyrische Texte, die sie meist selber performte, seit 2005 hauptsächlich Theaterstücke. Zuletzt etwa die Farce entweder es brennt oder es dauert, eine Auftragsarbeit des Westbahntheaters, die 2014 uraufgeführt wurde und die Quasi (quasi) opera buffa Brautstehlen im Rahmen des letztjährigen Freien Theater Festivals Innsbruck-Tirol. Interaction ist nach Tanzen und Wandern im Jahr 2008 die zweite Tanzproduktion, für die sie das Libretto schrieb.

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