treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

item

Zeitlos ernüchternd: Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“

Das Große Haus des TLT startete mit einem Klassiker des letzten Jahrhunderts ins neue Jahr.
Konjunktur für eine Leiche: Das ist der Deal, den sich Milliardärin Claire Zachanassian als Rache oder Vergeltung für das Kaff ihrer Herkunft ausgedacht hat. Wenn die Güllener die Milliarde wollen, müssen sie also leider sprichwörtlich in die Gülle greifen und ihren Mitbürger Ill opfern. Natürlich ist die Entrüstung zunächst groß. Wozu hat man schließlich abendländische Werte. Doch der Ort ist bankrott, dafür hat die omnipotente Milliardärin bereits im Vorfeld gesorgt. Das wissen die vermeintlichen Honoratioren des Ortes freilich noch nicht, wenngleich die etwas Hellsichtigeren schon so eine düstere Ahnung befällt. Denn ausgerechnet der Pfarrer fragt Ill noch vor Claires erstem Auftritt, ob er eventuell etwas zu gestehen habe. Und den Lehrer erfasst bei ihrem Anblick sogar so etwas wie Schaudern, sie erinnere ihn an eine griechische Schicksalsgöttin, sagte er. Das ist sie in der Tat. Ill hat einst nicht nur die Vaterschaft des gemeinsamen Kindes bestritten, sondern darüber hinaus zwei dümmliche Jungs aus dem Ort einzig mit einer Flasche Schnaps dazu gebracht, vor Gericht zu behaupten, sie hätten ebenfalls mit ihr geschlafen. Die beiden führt sie nun als blinde Eunuchen Koby und Loby in ihrer Entourage, den damaligen Richter hat sie zu ihrem Butler auf Lebenszeit gemacht. Fehlen also nur noch Ill und der Stachel einer ewigen Mitschuld, den sie den Güllenern durch diesen Deal arglistig verpassen will. Was nun folgt, ist nicht nur ein Lehrstück über die Korrumpierbarkeit des Menschen und seine damit einhergehende Fähigkeit, sich Realitäten immer so zu konstruieren, dass er nahezu jedwedes Unrecht damit für sich erklären und rechtfertigen kann. Es ist vor allen Dingen eine geradezu prophetische Darlegung der eigentlichen Ursachen unserer gegenwärtigen Endloskrisen. Nach dem „Besuch der alten Dame“ wird einem unversehens klar: der Turbokapitalismus der Jetztzeit hat seinen mythischen Ursprung in Güllen. Weil die Aussicht auf Geld und ein angenehmeres Leben einfach derart verlockend ist, beginnen die Güllener sich nämlich blindlings zu verschulden. Dürrenmatt genügen hierfür einige wenige Signale. Erst ist es nur einer, der plötzlich gelbe Schuhe trägt, später sind es alle, außer Ill. Der nimmt den schleichenden Gesinnungswandel als Erster wahr, kämpft zunächst noch dagegen an, bis er irgendwann erkennen muss, dass er gegen diese Übermacht nicht den Funken einer Chance hat. Seine Figur ist insofern bemerkenswert, als sich der einstige Feigling und Opportunist schließlich geradezu heroisch in sein unausweichliches Schicksal fügt. Mehr noch als das: er wird selbst zu einem Mahnmal, denn er wählt nicht etwa den Freitod, sondern zwingt die Güllener dazu, sich wirklich an ihm die Hände schmutzig zu machen. Irmgard Lübke inszenierte den Dürrenmatt-Klassiker für das Große Haus in eindrücklichen fast ikonographischen Bildern, für die Helfried Lauckners skelettartige Plakatstelen und riesige Börsencharts sowie Andrea Kuprians selbsterklärenden Kostümen ein geradezu perfektes Setup lieferten. Großartig etwa die Darstellung der alten Dame (Antje Weiser) im meterhohen überdimensionierten Brautgewand, wenngleich sie mich mit ihrem Rotschopf phasenweise etwas zu sehr an Vivienne Westwood erinnerte. Durch die konsequente szenische Überhöhung und die zahlreichen musikalischen Inserts von Franui-Musiker Andreas Fuetsch blieb das dämonisch Lauernde des Stücks aber irgendwie seltsam auf Distanz. Gleichwohl das Ensemble durchwegs kraftvoll agierte, hätte ich mir etwas mehr direkte Interaktion gewünscht, um so dem abscheulichen Machtspiel besser nachspüren zu können.

Leider zu früh gefreut: Claire (Antje Weiser) hat den Sarg für Ill (Andreas Wobig) bereits in ihrem Gepäck. 

Genie und Wahnsinn

Günter Gräfenberg begeistert in Tankred Dorsts Stück „Ich, Feuerbach“ im Kellertheater mit schillernder Schauspielkunst. Soviel ist schon zu Beginn klar: Dieser alte Schauspieler muss irgendwie ein seltsamer Vogel sein. Wie er etwa noch vor seinem Auftritt zusehends…

Zeitlos ernüchternd: Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“

Das Große Haus des TLT startete mit einem Klassiker des letzten Jahrhunderts ins neue Jahr. Konjunktur für eine Leiche: Das ist der Deal, den sich Milliardärin Claire Zachanassian als Rache oder Vergeltung für das Kaff ihrer Herkunft ausgedacht hat. Wenn die Güllener die…

Spannungs-Bogen mit Klassikern

Das BogenTheater präsentiert sich selbstbewusst mit Woody Allens Kultstück „Spiel´s nochmal, Sam“ und der Eigenproduktion „Romeo und Julia“. An Selbstbewusstsein und Tatendrang mangelt es den BogenTheater-Leuten wahrlich nicht. Nach „Central Park…

Johannes Gabl. Lachschlager im Keller wie im Turm.

Sowohl das Feinripp-Ensemble im Treibhaus wie Glattauers „Wunderübung“ im Kellertheater sorgen derzeit für Begeisterungsstürme Wenn es läuft, dann läuft´s. Das wird sich derzeit wohl auch Johannes Gabl denken, hat er doch in beiden Lachschlagern dieser…

Als Frau im Bann der Geschichte

Das Kammerspiel ‚Maultasch’ des Pitztalers Martin Plattner, das Sonntag im neuen K2 in der Werkstatt seine Uraufführung erlebte, ist ein atemberaubendes Meisterwerk. Letzte Woche galt für Premierengeher/innen mal wieder der alte Spruch: Entweder es passiert nix oder alles…

Performance Tanz Poesie / OFFTANZ tirol

Die neueste Produktion von OFFTANZTIROL (vormals Tanz 41) Tanz, Performance, Poesie: So lautet der Titel des aktuellen und Genre übergreifenden Tanzprojektes von OFFTANZTIROL (vormals Tanz 41), bei dem Eva Müller, Paolo Baccarani und Benito Marcelino gemeinsam mit mir als Autorin drei…

Von Schönheit verführt

Mit seiner opulent angelegten Peer Gynt-Adaption im Großen Haus gelingt Enrique Gasa Valga erneut ein Publikumshit Keine Frage: Dieser Mann weiß, was sein Publikum glücklich macht. Nichts weniger als das scheint Enrique Gasa Valgas Anspruch zu sein. Und auch mit seinem neuesten…

Weihnachten in der Mäuse-WG

Das aktuelle Kinderstück des TLT ‚Anton – das Mäusemusical’ wirft einen hinreißend verschmitzten Blick unter ein Wohnzimmersofa. Eines ist ziemlich sicher: Nicht nur Menschen mit latentem oder ausgeprägtem Putzfimmel werden nach diesem Stück umgehend…

Ver-rückte Wahrnehmung

Das Kellertheater eröffnete seine Saison mit einem meisterhaften Stück über Verdacht und Zweifel. Eines muss man Kellertheater-Chef Manfred Schild lassen: er hat einen überaus guten Riecher für atmosphärisch dichte kammerspielartige Stücke. Und er schaut sich…

Das Leben, ein fatales Spiel

Westbahntheater Jean Paul Sartre: Das Spiel ist aus. Zuletzt ist man fast ein wenig ratlos. Hätten die beiden, die vom Schicksal füreinander bestimmt waren, sich wirklich nur auf sich selbst, sprich ihre Liebe konzentrieren sollen? Reicht das für ein sinnerfülltes Leben? Ist…