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SOUAD MASSI

Eine Stimme aus tausend und einer Nacht

Der Rising Star aus Algerien.
Was hat man von einer Frau zu erwarten, die früher Frontfrau einer Algerischen Metalband (Akator) war? Jedenfalls keinen billigen  Raï-Pop. Viel eher macht  die algerische Sängerin Souad Massi  "Singer-Singwriting". Doch auch diese Kategorie trifft nicht wirklich ins Schwarze. Zu anspruchsvoll, zu individuell sind ihre Lieder. Dass man in Europa überhaupt von ihr erfahren hat, liegt an einem gravierenden Einschnitt in ihrem Lebensweg.
1999 flüchtet sie vor der Gewalt und dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat und lebt seither im Pariser Exil. Aus der Ferne richtet sie einen anderen Blick auf Algerien. Keinen nostalgisch verklärten Blick, sondern einen der geleitet ist von der Sorge um das Land, aber auch von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ganze zwei CDs und schon ist sie  sie zu einer der bekanntesten Sängerinnen der arabischen Welt aufgestiegen – ausverkaufte Konzerte und etliche Auszeichnungen inbegriffen.
Ihre Wahlheimat, die Worldwide Music-Metropole Paris hat überdies viel zu bieten, und einiges davon hat Souad Massis Musik nachhaltig verändert. So gesellt sich zu einem akustisch angelegten Sound, der in der arabischen Tradition steht, Westafrikanisches, Kapverdische Musik, Berber-Gesang, Tuareg-Grooves und Orchestrale Sounds. Auch Bossa Nova mag sie, sagt Massi.

Vor zwei Jahren, als Souad Massi ihr zweites Album "deb“ veröffentlichte, dachte man, es müsse ein neues Genre erfunden werden, um die Musik dieser Algerierin zu beschreiben. 2005 ist die Ahnung zur Gewissheit geworden, dass die Sängerin und Gitarristin weitab von allen Rai-Formen einen neuen Stil geprägt hat, der maghrebinisch ist, ohne traditionell zu sein und der global und aktuell ist, ohne seine Herkunft zu verleugnen.
"Honeysuckle“, auf arabisch Mesk Elil, auf deutsch Geißblatt, ist betörend wie der Geruch dieser Pflanze, deren zahlreiche kleine Blüten im Orient nach Sonnenuntergang zu duften anfangen.
Im Zentrum steht die Stimme der Dreiunddreißigjährigen, dieses Timbre mit der samtigen Oberfläche und der abgründigen Tiefe, das sie vor allem durch die Klangvielfalt der arabischen Sprache schweben lässt, manchmal auch durch ein paar Zeilen Berberisch, Englisch oder Französisch.

Souad Massi ist eine Reisende, als Teenager entfloh sie in ihrer Phantasie der allzu kleinen Familienwohnung und einem Land, das es einem jungen Mädchen unglaublich schwer macht. Als 27-jährige verließ sie Algerien Richtung französisches Exil, weil sie ihren Job als Stadtplanerin verloren hatte und die Zuspitzung des Bürgerkriegs Auftritte immer unmöglicher machte. 2005 reist sie wieder:
"Algerien gehört schließlich zu Afrika und ich habe versucht maghrebinische Musik und afrikanische Musik zusammen zu bringen, weil man als Araber ja etwas rassistisch schwarzen Menschen gegenüber ist und es ein totales Desinteresse der afrikanischen Musik gegenüber in den arabischen Ländern gibt.“ Also hat sich die schöne Singer/Songwriterin Gäste eingeladen, den senegalesischen Troubadour Daby Toure aus dem Toure Kunda-Clan z.B., mit dem sie – wie schon Peter Gabriel zuvor - ein Wahnsinns-Duett singt (I won’t forget my Roots).
Den Perkussion-Supermann Mino Cinelu, den Salif Keita-Gitarristen Djely Moussa Kouyate oder auch die Soundtrack-Komponistin und Dirigentin Marie-Jeanne Serrero. Letztere ist für die klassischen und arabischen Orchesterparts zuständig, die Souad Massi einsetzt, um ihren Bildern mehr Farbe und Hintergrund zu geben und den musikalischen Radius zu vergrößern.
Also hört man Darbukka, Gitarren, Ney, Djembe, Oud, Banjo, Geigen, Bratsche, Udu, Cello, Bendir, E-Bass, Kontrabass, zig Perkussionsinstrumente und und und, die sich im feenhaften Folk von Massi begegnen. In Chaabi-Pop-Stücken wie "Kilyoum“, in arabo-andalusischer Schwermut (Denya Wezmen) mit einer Verbeugung vor dem Ägypter Mohamed Abdel-Wahab, der zahlreiche Songs für Oum Kalthoum geschrieben hat, in akustisch-balladesker Tristesse (Hagda Wala Akter) oder kabylischen Rhythmen, die einen unglaublich melancholischen Text in einen fröhlichen Popkontext heben (Ilham).

"Honeysuckle“ ist Sehnsucht pur und hat extremen Gefühlstiefgang wie bei "Dar dgedi“, hier kehrt die Musikerin noch einmal in das einfach Steinhaus ihres Großvaters in den kabylischen Bergen zurück. Das kleine Dorf war während des algerischen Bürgerkriegs Zufluchtsort für die in Algier ansässige Familie von Massi, und sie lässt sich alle Zeit der Welt, um sich in diesem Song noch einmal dorthin zu träumen. Gerüchteweise hört man schon, dass Souad Massi wohl demnächst auch wieder real in ihre Heimat zurückkehren kann, um dort aufzutreten und sie wird sicher die kleine Ygny mitnehmen, die sie während der Entstehungszeit von "Honeysuckle“ zur Welt gebracht hat.



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Souad Massi - Eine Stimme aus tausend und einer Nacht
Es war ruhig geworden um die arabische Musikszene in den letzten Jahren, seit sich die Chebs und Cheikas nur zu oft in seichtere Popgefilde begeben hatten und das Feld der kreativen Auseinandersetzung Natacha Atlas überließen.

Von Thorsten Bednarz

Doch nun ist es Zeit, sich mit einer Sängerin auseinander zu setzen, die einen sehr ungewöhnlichen, globalen und doch auch wiederum schon fast klassischen Stil pflegt. Den klassischen Stil des französischen Chansons, des Flamenco und der indischen Filmmusik. Zu viel für eine junge Sängerin, die nicht einmal 30 Jahre alt ist? Nicht zu viel, wenn diese Sängerin Souad Massi heißt.

Gerade erschien ihr zweites Album Deb, um das es im Vorfeld schon einige Verwirrung gab. Erst sollte es über den Importservice einer großen Plattenfirma in unsere Läden gelangen, gleichzeitig aber ging auch ein kleinerer Vertrieb an die Arbeit. Letztlich hat dieser das Album im Programm behalten, was der Künstlerin und ihrer Musik bestimmt zugute kommt. Denn es wäre schon beinahe eine Schande, sollte das Album der jungen Sängerin aus Algerien in der Vielzahl von aktuellen Veröffentlichungen untergehen, denn lange schon hörte man nicht so viel Eigenständigkeit im Umgang mit den verschiedensten Stilen, so viel ruhige Kennerschaft und Gelassenheit bei einer jungen Künstlerin, die ihren ganzen Weg noch vor sich hat. Dabei strahlt ihr zweites Album Deb doch beinahe die Qualität eines großen Alterswerkes aus. Oder die Gewissheit, nach einer langen Suche endlich angekommen zu sein.

Diese lange Suche darf man im Falle von Souad Massi wörtlich nehmen. Immerhin studierte sie auch Stadtentwicklung und Städtebau und arbeitete lange in einem Architekturbüro, während die Musik nur ein Teilzeitjob für sie war. »Die Wurzeln meiner Musik liegen in Algerien, ganz einfach«, erzählt sie. »Allerdings ist Algerien auch eine Art Treffpunkt vieler Kulturen, wo westliche auf orientalische Musik trifft. Ich möchte auch nicht unbedingt in einem Umfeld der Singer/Songwriter gesehen werden, denn selbst die Vergleiche mit Joni Mitchell oder in gewisser Weise den letzten Alben von Joan Baez sind eher einengend für meine musikalische Sicht der Dinge, die doch viel weiter gefasst ist.« Um dann einzugestehen, dass sie auch nicht viele Vertreter der amerikanischen Singer/Songwriter-Tradition kennt, weil sie sich damit einfach noch nicht beschäftigt habe.

Erstaunlich genug, denn nach eigener Aussage wuchs sie zwar mit Flamenco und Pop auf, aber auch mit Folkrock und Country. Dafür sang sie später in einer Art Hardrock-Band in Algier, die neben elektrischen Gitarren aber auch die Musiktradition der Gnawa mit aufleben ließ. Eine CD davon gibt es allerdings nicht, denn die Musiker waren dagegen, ihre Musik zu verkaufen. Aber allein der Fakt, dass es solche Projekte gibt, wirft ein anderes Licht auf die algerische Musikszene, als es oft hier in Europa gesehen wird und welches von Fundamentalisten und schwarzen Listen geprägt ist. »Vieles davon ist sehr einseitig berichtet«, sagt Souad Massi, »denn nicht nur Fundamentalisten sorgen für Unruhe, auch innerhalb der Politik gibt es sehr starke gegensätzliche Strömungen, es hat sich eine regelrechte Mafia-Szene gebildet, und innerhalb dieser recht großen Anarchie kann man sich viele kleine Freiräume schaffen, die man dann kreativ nutzt. Allerdings wurde es in den letzten Jahren auch immer schwieriger, Auftrittsmöglichkeiten zu finden, und oftmals wurden auch Musiker inhaftiert, um Konzerte ausfallen zu lassen.«

Wer sich allerdings wundert, woher die indischen Anleihen in der Musik Souad Massis kommen, die sind ganz natürlich entstanden. Denn traditionsgemäß finden indische Filme und damit auch die indischen Soundtracks große Verbreitung bis in den arabischen Raum, und so wuchs Souad Massi eben auch mit indischer Filmmusik in Algier auf. Aber erst in Paris, wo sie seit etwa vier Jahren lebt, nachdem sie zu einem Festival eingeladen worden war und merkte, dass sie dort eher von ihrer Musik leben könnte, begann sie wieder stärker, sich für nordafrikanische und arabische Musik zu interessieren. »Das war neben all den neuen Einflüssen etwas Bekanntes, eine Art Fixpunkt«, wie sie sagt. »Aber es war auch eher die arabische Popmusik wie Chabi, die mich interessierte, und nicht unbedingt der algerische Rai.«

Man könnte meinen, es sei ein großes Wagnis von Plattenfirmen, in Zeiten, in denen die USA und einige ihrer Verbündeten wieder in arabische Länder einmarschieren, um vermeintliche Terroristen zu bekämpfen, in denen US-Präsidenten »Achsen des Bösen« herbeireden und damit schon die vermeintlichen nächsten Kriegsziele avisieren, Musik aus eben jenem Kulturraum verkaufen zu wollen. Doch es scheint, als würde der Markt bzw. der Musikliebhaber anders reagieren. In England etwa wurden innerhalb kürzester Zeit über 5000 Alben von Souad Massi verkauft, die ersten Konzerte waren von der Kritik ausnahmslos positiv aufgenommen worden, und schon wird die erste Tournee geplant. Vielleicht kann Souad Massi hier einfach von der starken Antikriegsbewegung profitieren. Oder aber es liegt daran, dass ihre subtile Musik nicht unbedingt an bekannte arabische Klangmuster erinnert, sodass sie gar nicht in erster Linie als arabisch ausgemacht wird. Da treffen klassische arabische und europäische Klassikanleihen auf indische Tablas, Flamencogitarren und auch immer wieder auf die besten Zeiten des französischen Chansons. Damit steht sie relativ allein auf weiter Flur, nicht nur betreffs der arabischen Musikszene, sondern auch in weiten Teilen der Welt.

Eigentlich ist Souad Massi eher eine Art Geschichtenerzählerin als Sängerin, denn alle ihre Lieder gehen von erlebten Geschichten aus. Diese Geschichten illustriert sie dann mit der Musik. »In Algerien etwa gibt es ein Sprichwort, in dem von Indien als vom weitesten entfernten Land die Rede ist. Wenn ich also über eine Reise oder weit entfernte Länder singe, komme ich über diesen unterbewussten Umweg ganz schnell zu einer indischen Tabla, wenn ich über starke Gefühle singe, lande ich schnell beim Flamenco. Es sind keine bewussten Entscheidungen, die ich treffe, aber offensichtlich können viele Musikhörer diesen Assoziationen von mir folgen.«

Mit Deutschland verbindet sie allerdings noch keine derartige Assoziation, wenn nicht das Wissen um einige der größten musikalischen Genies der Klassik. Man darf aber wohl jetzt schon gespannt sein, wie sich der ungeahnte Erfolg von Souad Massis zweitem Album Deb und ihre zahlreichen Reisen durch Europa auf spätere Alben auswirken werden. So interessiert sie sich im Augenblick stark für den portugiesischen Fado, doch auch hier wieder nicht losgelöst von seinem kulturellen Umfeld, sondern eher für den Hintergrund des Fado, dafür, welche Geschichten von den Sängern immer wieder aufgegriffen werden, welche Bedeutung diese Geschichten heute noch für die Hörer des Fado haben usw. Daneben finden sich auf der Liste ihrer derzeitigen Präferenzen Flötenmusik der Sufi (Entspannung) und das letzte Album von Leonard Cohen (Anregung).

Angeblich sollen auch wir in Deutschland bald in den Genuss ihrer Konzerte kommen. Doch die werden dann, ohne die Unterstützung der Streicher, sicherlich anders klingen, eher wie ihr erstes live aufgenommenes Album. In ihrer neuen Band lässt sie sich jedenfalls nur von Gitarre, Bass, Schlagzeug und Darbuka begleiten. Doch die euphorischen Reaktionen auf ihrer Web-Site lassen darauf schließen, dass Souad Massi auch in dieser kleinen Variante musikalisch zu überzeugen weiß. Und da sie im Augenblick nahezu ununterbrochen durch Frankreich, Nordafrika, die Schweiz und die Beneluxländer tourt, kann sie es sich ja vielleicht bis zum Frühjahr auch leisten, eine größere Band zu bezahlen. Bis dahin haben wir noch Zeit, die Geschichten hinter ihren Liedern zu ergründen, die Gefühle hinter den verschiedenen eingesetzten Stilen, und eine Künstlerin zu entdecken, die das Potenzial mitbringt, eine Botschafterin des neuen und modernen Arabien zu werden. Und selbst wenn es dazu nicht kommen sollte: An der Künstlerin Souad Massi wird man in Zukunft nicht mehr vorbei kommen. Hier kündigt sich eine der ganz großen Sängerinnen der nächsten Jahre an!