treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

JENSEITS VOM CHRISTKINDLMARKT // DER neue TREIBHAUS-PASS // & MORE.

Den Treibhaus-Konzert-Paß (gilt bis 30.6.'20) oder Eintrittskarten als erlesene Genschenks-Papiere: das Winter & Frühjahr bereits im Vorverkauf. Von Rebekka Bakken bis John Scofield bis Lola Marsh, von Mascheks Jahresrückblick bis Manuel Rubey. Den Paß gibts endlich online - mit dem Link d(r)oben im Menu!

ROTIFER

before the water wars

Robert Rotifer, geboren in Wien in den letzten Atemzügen der Sixties. Begann mit 14 in Bands Musik zu machen, und mit 21 ernsthaft darüber zu schreiben. Verirrte sich auf der Suche nach Geld für die Miete Ende '92 in die Redaktionen der damals auf Ö3 geduldeten Sendungen "Music Box" und "Zick Zack", später auch zum "Nachtexpress". Moderierte in der ersten FM4-Nacht die erste Ausgabe von "FM4 Heartbeat", der Montagabend-Sendung, die er im Zweiwochentakt abwechselnd mit Eva Umbauer gestaltet - seit 1997 aus der Londoner Außenstelle, von wo aus er auch seine Stadtbriefe für die FM4-Homepage liefert.

Jetzt wohnt er also nicht mehr in London, der Robert Rotifer. Nicht mehr im viel besungenen und hassgeliebten „Shambles Grove“, Kentish Town. Aber seine elegante Muse ist im vergleichsweise betulichen Canterbury keineswegs faul geworden. Kenner des Guten, Schönen, Feinen in der Musik werden sich sowieso an die Canterbury-Szene um Robert Wyatt, Kevin Ayers und Caravan erinnern. Auch von Chaucers wilden „Canterbury Tales“ her werden sie wissen, dass die Götter der Kreativität der Wasserversorgung dieses grünen Kathedralen-und-Uni-Städtchens schon immer ein ganz besonders heimtückisches Schöpfenspulver beigemengt haben. Jetzt hat auch Robert Rotifer davon getrunken. „Na ja“, grinst er, „es macht halt schon einen Unterschied aus bei dem was man schreibt, ob draussen die Vögel zwitschern oder die minderjährigen Drogenhändler sich Profanitäten um die Ohren schlagen.“   Apropos Wasserversorgung – die macht Robert tatsächlich Sorgen. Und das hat ihm ein paar Ideen eingegeben. Das fängt schon beim Albumtitel an, „Before the Water Wars“. Er widerspiegelt, so Robert, eine tiefsitzende Angst vor der „Vermengung von Energiekrisen, globaler Erwärmung und Machtpolitik“. Es gebe einen Report vom Pentagon, sagt er, der innert dreissig Jahren Kriege um den Zugang zur Wasserversorgung prophezeit. Verbunden mit dieser Horrorvision verspürt Robert einen überwältigenden Frust darob, dass die Menschen, die heute die Zügel der westlichen Nationen in der Hand halten, immer noch persönliche Bereicherung als den Antrieb für Fortschritt begreifen. Wir befinden uns, befürchtet – hofft? - Robert, in der letzten Dekadenzzeit vor einem gewaltigen globalen Umbruch. Vor den Wasserkriegen eben. Mit dieser Vorstellung machte sich Rotifer ans schreiberische Werk: „Zum ersten Mal bin ich ein Album angegangen fast wie ein Journalist“, sagt er. Statt mit einem inspirierten Satz oder Bild anzufangen und sich dann assoziativ weiter treiben zu lassen, hat er sich für jeden Song ein Thema vorgenommen, bevor er zu schreiben anfing. „In letzter Zeit habe ich wieder viel Randy Newman gehört“, erklärt er. „Seine Ökonomie der Pointe – sowas habe ich angestrebt.“    Das Grundthema von „Before The Water Wars“ ist also alles andere als idyllisch. Aber es hat Robert ein paar außerordentlich schöne Lieder entlockt. "Now That I'm Here" etwa, mit seiner täuschend süßlichen Referenz auf Sweatshops ("the shoes that the children had made"). Oder „I’ll Be In Your Song“, wo eine Post-Thatcher-Profiteuren-Figur (Tony Blair?) in der Ich-Person seinen Glauben breitschlägt (“my mind’s on the money/my faith is still strong"), um abschliessend traurig die Frage zu stellen: „Why are you angry with me, boy?“. Da muss man sich fast schon fragen, ob so ein Schwein die herrlich herbstlichen Töne verdient, die ihm Robert hier ansingt. Oder „Londoners Never Call“, ein doppelbödiger Kommentar über den Clash-Gassenhauer „London Calling“. Oder gar „The Call of the Swine“ – „when the weasels will woo you with foxes“... Überhaupt die Melodien: Sie stimmen versöhnlich, bringen Hoffnung, selbst wenn die Texte bitterbös sind. Außerdem ziehen sie kaum je die Art von Schleifen, die man von der Britpop-Tradition her gewohnt ist. Derweil das flott-melancholische, banjogetriebene Instrumental „Shambles Grove Revisited“ einen Hauch Lilac Time verrät, sind zwischen den Zeilen dieser neuen Lieder eher die Spuren französischer Chansons und zentraleuropäischer Melodik herauszulesen. Auffällig und ungewöhnlich sind insbesondere die fein gesponnenen Arrangemente mit diversen Gitarren und Banjos sowie Cello, Hammond und French Horn. Es ist die Stimme des Musikexilanten, der sich befreit hat vom Liebesbedürfnis-über-alles, das den Neuankömmling in Groß-Beatannien gern befällt. Indem er sich von den Fesseln des „Britpop“ gelöst und gleichzeitig auch die Fesseln des österreichischen „Nur-nicht-tönen-wie-die-Provinz“-Denkens abgeworfen hat, kann Robert Rotifer endlich frei sein in seiner Musik. Unter anderem weiß das auch Louis Philippe zu schätzen, der französische Songschreiber, der seit zwei Dekaden in London seine subtilen Lieder singt. Er schreibt im Umschlagtext von „Before The Water Wars“ folgendes: „Some people make records to pay the rent; to find a girlfriend; or to save the world (I’m told). Robert makes records because he needs to, and possesses the ear, the brain, the heart and the fingers to do so. I’m thankful for it, as you should be, fellow Rotiferian.

oooooooooooooooooooooooo


Since Robert aus London weg ist, weiß ich gar nicht mehr, was ich mit mir anfangen soll in the city. "The fear" so nennen sie es in Glasgow. Man hört den Fear in dieser schönen Scheibe. Für mich ist es seine Abrechnung mit London, mit der ganzen walvergiftenden Scheiße, die aus dieser Stadt kommt. Und doch ist sie so wunderbar wenn man sich nicht ersaufen lässt. Und Robert The Rott weiß dies nur zu genau. Die Musik hört sich für mich an wie "Belle and Sebastian" in Ziggy-Outfits. Eine wunderbare sixties country melody im vordergrund und im Hintergrund fünf schwule englische Cowboys, die zur Jagd blasen. (Ich glaube, ich habe zuviel "Brokeback Mountain" gesehen). Mein Lieblingslied auf der Platte ist "Schengenlander DIE!" I think I'm going to cry. Der arme Schengenlander, jetzt ist er dran die Sau!
(Nick McCarthy, Franz Ferdinand)

I don't understand how, with English as a second language, Robert Rotifer writes better lyrics than most English songwriters including myself. (Of course, I'd never let him know this). Before The Water Wars is an absolutely charming album that stands comfortably alongside anything by Richard Hawley. Great musical moments, really confident vocals and those lyrics: /Sit down here with me boy / look at my face / I've got more chins than you've got balls... /I wish I'd written that. (But don't tell Robert.)
(Eric Goulden, "Wreckless Eric")

Rotifers unverwechselbare Stimme ist idiosynkratisch genug, um vor vokaler Selbstgenügsamkeit zu bewahren: Wenn sie sich im Ohr des Hörers einzunisten vermag, dann deswegen, weil die eleganten, Raffinesse und Eingängigkeit souverän vereinenden Songs (die zwischen Artikelschreiben, Wäschebügeln und Kinderzubettbringen wann auch immer geschrieben werden) wirklich gut sind; weil diese sich mit flottem Fingerpicking, einem fetzigen Cello-Ostinato, einer hypnotischen Gesangsphrase oder einem fernfahrerkompatiblem Banjo-Intro festsetzen, aber dann auch noch die Kraft haben, weiter zu machen, wenn der Refrain bereits nach dreißig Sekunden geliefert wird. Euphorie ohne Reue: Rotifers Songs nützen die Freiheit des Pop-Genres, auf die Form-Inhalt-Entsprechung zu pfeifen und Wut, Protest, Verachtung auch als verzuckerte Pille an den Mann bringen zu dürfen: "Schengenländer Shangalangalanga Shangalangalanga die!" Kurz und gut, sie ermöglichen es einem, sich - je nach Gemüt - mit gezücktem Feuerzeug oder einem voll beladenen Frühstückstablett tanzend durchs eigene Wohnzimmer zu bewegen, ohne sich blöd, also intellektuell oder emotional unterversorgt vorzukommen. Mehr sollte man von Pop-Musik eigentlich nicht verlangen.
(Falter)

Robert Rotifer ist ein singender Songschreiber aus Wien. In den frühen Nineties führte er die Electric Eels, dann tat er sich für die EP "The Fun Is Now Over“ mit den Sofa Surfers zusammen. 1997 zog er nach London – "Before The Water Wars“ ist sein drittes Soloalbum seither. Dass der Umschlagtext vom Edelchansonnier Louis Philippe stammt, ist kein Zufall. Auch Tjinder Singh von Cornershop und Wreckless Eric zählen zu Rotifers Fans. Staunende Studiokommentare der beteiligten Musiker "bluten“ des öftern in die Stille zwischen den Songs hinein ("wasn’t there a fuck-up in there?“). Sie zeigen, wie spontan dieses noble, schöne und frische Album entstanden ist. Zur Band gehören nebst Pianist Eoin O’Mahony (auch bei Hamfatter), Drummer Henning Dietz (vorher The Tears, jetzt The Veils), Cellist Greg Hall, Bassist Stefan Franke und Waldhornspieler Thomas Allard (Hexicon). Zusammen machen sie eine Musik, deren süffige Melodik nicht nur angelsächsischen Beat-Wegweisern folgt, sondern auch mal einen Hauch Kontinentaleuropa zeigt. Als Thema fürs Album nahm sich Rotifer einen CIA-Report vor, dem zufolge wir innert dreissig Jahren mit Kriegen um die Wasserversorgung rechnen müssen. Damit koppelt er seinen Frust über die Mentalität der 80er Jahre, der es einzig um die persönliche Bereicherung ging, und die mit Tony Blair weiterlebt. Trübe Materie – keineswegs trübes Album. Dafür sorgt Rotifers lockere Art mit tiefgründigen Arrangementen und mit Melodien, die von Kopf bis Fuss nach Rosen duften.
(Loop Magazine)

Neben der Güte dieser und aller anderen Songs - erwähnenswert vielleicht noch das aphoristisch kurze, brillante "A to B" - beeindrucken besonders der warme, organische Sound des in erstaunlich kurzer Zeit live im Studio eingespielten Albums und das intuitive Zusammenspiel der Musiker, die Rotifers wie immer exzellenten Texten (deren präzise Beobachtung und wortspielerisches Geschick man sich bei einem vergleichbaren Songwriter wie etwa Paul Weller wieder einmal wünschen würde) und den durchwegs schönen Melodien den angemessenen Rückhalt verleihen (...) Sicher sein bestes Album bisher und eines, das bei jedem Hören weitere gekonnt eingewobene Details (...) preisgibt und Hörer für die "Repeat All"-Funktion des CD-Players für dieses kurze aber in seiner Substanz so reichhaltige Album dankbar sein lässt.
(Now!)

Der singende Pop-Korrespondent präsentiert sich auf seiner neuen Scheibe in stimmigem Bandambiente, macht weder vor Horn-Arrangements noch vor aufgelegten Assoziationen halt und ist stimmlich am Höhepunkt seines bisherigen Schaffens. Schön zu hören sind die Überwindungen klassischer Britpop-Kompositionsmuster ("How Green I Was") oder die ungezwungenen Anleihen bei Tintin Duffy ("The Call Of The Swine"). "Before The Water Wars" gibt sich spontan, frisch und dabei hörbar mit Herz, Leidenschaft und detailreflektierter Zuneigung ausgestattet.
(The Gap)

Wortzauberei. Lyrischer Witz beim intensiven Metapher-Spaziergang. Und ein Vertrauensfilter des Gitarren-Geschmacks. "Before the Water Wars" ist ein Daumen hoch Album. Diese meine Meinung seziert sich in ihre Bestandsteile von "A to B" wie folgt: Rotifer's neues Album ist ein 24Stunden-Werk und diese scheinbare Dringlichkeit fühlt sich bei diesen Singer/Songwriter-Kompositionen wie hohe Kunstfertigkeit an: Der Album-Anfang gibt eine entspannte Storytelling-Richtung vor, doch die 2Sekunden-Trackpausen werden zum Neustart und Neuorientierung verwendet. Vielfalt als gemeinsamer Nenner durchzieht sich auf "Before the Water Wars«. Mal eckt ein Banjo an, mal wird die Stimme mal dynamischer bevor sie sich dem Melodiebogen als gleichwertig unterordnet. Akkordfolgen harmonieren mit dem vorsichtig streichenden Schlagspiel. Und dann fällt einem auch gleich das zentrale Erfahrungsdetail wie die Schuppen von den Augen: Wenn man glaubt die (Schengen)Lalalas als Platzhalter im Song entlarvt zu haben, entpuppt sich der Urschrei des Pops, als die logische Atemhilfe, um dem Text-Verständnis zu seiner Denkpause zu verhelfen. Also Denkpause für ein "Daumen hoch!« und play.
(Skug)

Mit "Before the Water Wars“ festigt Robert Rotifer seinen Ruf als exquisiter Singer/Songwriter klassischer Prägung. In seiner Funktion als Londoner Pop-Korrespondent liefert Robert Rotifer profil-Lesern seit mehreren Jahren gleichermaßen kenntnis- wie einsichtsreiche Berichte aus der britischen Welthauptstadt der Jugendkultur. Als Musikschaffender (Rotifer hat Beruf und Berufung konsequent unter einen Hut gebracht) konzentriert sich der gebürtige Wiener auf Traditionelles: klassisches Songwritertum mit leichtem Hang zum Powerpop. So auch auf "Before the Water Wars“, seinem zweiten Album nach dem viel beachteten "A Different Cup of Fish“. Die Stromgitarre bleibt nach wie vor ausgesteckt, Blechbläser und Streicher kommen ausgiebig zu ihrem Recht, während Rotifer, die Akustische sanft bearbeitend, sich einmal mehr als begnadeter Singer/Songwriter klassischer Prägung erweist. Wobei ihm das, was er als Sänger stellenweise vermissen lässt, als Songwriter in erstaunlicher Fülle gegeben ist: gelassene Größe, ein Gespür für Timing und die richtige Geste im richtigen Moment. Ein Streichertremolo hier, ein behutsam gezupfter Akkord da, ein wahres Wort drum herum. Das Resultat: Musik, die klingt, als wäre sie immer schon da gewesen und als würde sie auch noch eine ganze Weile bleiben.
(Profil)

Robert Rotifers Musik ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie umfangreiches musikalisches Wissen einen kreativen Prozess befruchten kann, ohne dass dabei emotionale Ebene dabei verkümmert. Durch die Verschränkung von Theorie und Praxis, die Journalisten ja gern als Zeichen eines gescheiterten Musikerdaseins angelastet wird, hat Rotifer eine sehr breite Palette an musikalischen Ausdrucksmitteln zur Verfügung, und er setzt sie souverän ein. Von seiner Kenntnis von Stilen und Genres kaum beengt, färbelt Rotifer nicht bloß vorgegebene Felder an, sondern malt sein eigenes Bild. Seine neue Platte ist noch etwas farbiger und sicherer geworden als der Vorgänge; seine Schwächen als Sänger, die zuletzt noch viel Farbe zum Übertünchen benötigten, fallen elegant unter den Tisch.
(Kurier)