treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

LENINGRAD

Sie Anarcho-Könige des russischen Undergrounds: Balalaika-Ska, Kolchosen-Klezmer & Don-Kosaken-Reggae

Leningrad sind die Könige des russischen Undergrounds: einst der Geheimtipp der Moskauer Intellektuellen, entwickelten sie sich zur erfolgreichsten Band des heutigen Russlands und das alles, ohne auch nur ein bisschen von der unglaublichen Frische ihrer Musik und Texte einzubüßen. Mittlerweile versetzen sie mit ihrem explosiven Punk-Ska-Polka-Latin-Gemisch sowie ihren schrägen, wahnwitzigen und politischen Texten Millionen Fans in Rausch. Sie werden von Intelligenzija und Proletariat gleichermaßen geliebt, bei ihren Konzerten verbrüdern sich Schweißer und Studenten, Machos und Metrosexuelle, Dachdecker und Dandys - und rufen die widersprüchlichsten Reaktionen hervor: von frenetischer Begeisterung bis zu Entsetzen und scheinheiliger Empörung. Das prominenteste Beispiel von „Leningradophobie“ ist der Moskauer Oberbürgermeister Jurij Luschkow, der sämtliche Auftritte der Band in der Hauptstadt verbot und damit den Status des Leningrad-Sängers Sergej ”Shnur” Schnurow als den des russischen Eminem endgültig besiegelt hat. Leningrad ist Kult: Zwei Dutzend exzentrische Musiker spielen eine explosive russische Mischung aus Ska, nicht weniger tanzbaren Latin- und Balkan-Rhythmen, Revolutionsgesängen, Arbeiterliedern sowie trunkenen russischen Ganovenpolkas aus den 30er Jahren. Mit anderen Worten: Leningrad ist die Wiedergeburt des Dionysischen in seiner slawisch-sowjetischen Interpretation.

„Lenin-grad – Dieses Lied singt die Jugend! (Die verarschst du nicht!)“ Leningrad sind ein Phänomen. Wo immer sie auftauchen, hinterlassen sie offene Münder. Der Kult wächst und hat inzwischen auch eine Menge Jünger gefunden unter Leuten, die sonst nichts mit Russland am Hut haben. Nach einigen spektakulären, meist ausverkauften Konzerten in Westeuropa, wird Leningrad nun endlich auch hier auf CD veröffentlicht. Zur Gruppe oder besser gesagt zum Orchester Leningrad gehören im Moment 15 Leute. Das macht die Live-Auftritte natürlich zu einem beeindruckenden Erlebnis. Die Bläser – Posaune, Saxophon, Trompete und Tuba – werden begleitet von Xylophon, Gitarren, Schlagzeug, Percussion und der rauen Stimme des Frontmanns Shnur. Dies alles macht den unwiderstehlichen Charme von Leningrad aus. Die Musik ist eine Mischung aus Ska, kubanischem Salsa und russischen Gefängnis-Chansons, die mit dem Herzen auf der Brust vorgetragen werden. Neuerdings gibt es auch verstärkt Rap-Einflüsse und harte Rockgitarren. Und die Lieder erzählen immer Geschichten, sind Mini-Dramen.

Leningrad verstoßen gegen alle möglichen Verbote, brechen mit Traditionen, sie fluchen in der Öffentlichkeit, drehen skandalöse Videos und verbreiten Chaos auf ihren Konzerten. So wurden Leningrad berühmt, ohne sich besonders anzustrengen oder zu verkrampfen. Einfach machen ohne Masterplan. Shnur meint selbst über seine Gruppe: „Leningrad – das ist wie ein Pornofilm: mit kleinsten Mitteln starke Emotionen hervorrufen.“ Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow war dies zuviel, und er erteilte Leningrad Auftrittsverbot. Im Rest des Landes spielen sie dafür vor mehreren Tausenden frenetischer Fans. Leningrad ist das Salz in der Suppe des russischen Showbusiness. Sie lassen sich trotz ihres riesigen Erfolges nicht vereinnahmen, und Shnur sagt seine Meinung zu allen Themen, die ihn bewegen. Leningrad hat schon immer die Sprache des Volkes gesprochen – auf lustig-derbe oder direktkritisierende Art. „Hleb“ ist Leningrads bis dato sozialkritischstes Album. Sei es die schöne Welt der Tennisstars oder die Allmacht der Banken – der Konflikt von Arm und Reich ist eines der deutlichsten Merkmale des postsowjetischen Turbokapitalismus. Die Gitarren auf „Fuck You“ getunt und wie immer in wenigen markanten Sätzen gesellschaftliche Probleme beschreibend – Leningrad at it’s best! Post-Moderne trifft Folk&Roll und urbanen Underground in einem leckeren Cocktail. In ihren Texten geht es Leningrad um den „einfachen russischen Menschen“, der sich zwar vor allem für Alkohol und Sex interessiert, aber das Herz am rechten Fleck hat. Shnur verwendet in seinen Liedern sowohl Schimpfwörter en masse, als auch die Sprache des Chansons der sowjetischen Dissidenten. Die meisten Charts-Bands in Russland kopieren ihre westlichen Vorbilder. Leningrad ist wohl die einzige Top-Ten-Band in Russland, die sich musikalisch und textlich dem Mainstream verweigert. Russische Schimpfwörter gelten als eigene Sprache, die ganze Lexika füllt. Dieses „Mat“ genannte Sprachsystem ist aufgrund der unendlichen Produktivität der russischen Sprache eine unerschöpfliche Quelle für neue Kombinationen „fünfetagiger“ Schimpfworttiraden. Ein „Mat“- Meister wie Shnur nutzt dies, um Dinge genau „bei den Eiern“ zu packen und, ähnlich den Underground-Dissidenten zu Sowjetzeiten, Botschaften so zu chiffrieren, dass es sehr derb, aber nicht dumm wirkt. Deshalb sind Leningrad sowohl beim einfachen Volk wie auch bei der Intelligenzija beliebt, die sich das Schmunzeln nicht verkneifen kann. Es ist eine Sprache, die alle verstehen, aber vorgeben, nicht zu benutzen. Es geht in ihren Liedern um die Dinge, die die meisten Menschen im heutigen Russland beschäftigt: Saufen, Sex, Tod, Ironie, Geld, Liebe, Liebe zum Geld, kein Geld, keine Liebe, kein Glück, keine Zukunft. Leningrad stehen in der Tradition der Gefängnislieder der Dreißiger und der frechen und doch melancholischen Lieder der russischen Underground-Songwriter der Siebziger wie Arkadi Zewerni. Leningrad führen dieses Erbe mit einer aggressiveren und damit zeitgemäßen musikalischen Note fort. Diese Seite kommt vor allem auf Shnurs Solo-Platte, dem Bonus- Album der Limited Edition von Hleb, zum Ausdruck. In wenigen Jahren ist Leningrad von einer Club- zu einer Stadionband geworden, ohne auch nur ein bisschen ihrer Kredibilität einzubüßen. Leningrads ehrliche, aufregende und kontroverse Art machte sie zu einem Phänomen und der wahrscheinlich spannendsten Band Russlands der letzten zehn Jahre. BIOGRAPHIE Die Gruppe Leningrad erdachte und gründete Sergey Shnurov (Künstlername „Shnur“) 1997 in St. Petersburg. Das Debütalbum „Pulya“ wurde 1999 vom Chef der berühmten russischen Band Auktyon, Leonid Fjodorow, aufgenommen. Von Beginn an passte Leningrad in keine Schublade. Nur eine Sache war typisch für sie – Schimpfwörter. Den Gesang lieferte damals übrigens noch Igor Vdovin, der inzwischen ein gefragter Produzent und hervorragender Elektronik-Musiker ist. Vdovin verließ allerdings noch 1999 die Band und Shnur, der bis dahin nur Bass spielte, übernahm das Mikrofon. Noch im selben Jahr nahmen sie in nur wenigen Tagen live im Studio ihr legendäres Album „Mat bez elektritchestvta“ auf. Ihnen gelingt es hier, eine Atmosphäre wie in einer Küche zu kreieren, in der Charles Bukowski raucht, trinkt und erzählt. Im Jahre 2000 hatten Leningrad ihren endgültigen Durchbruch mit dem Album „Datchniki“. Leningrad machten Schlagzeilen und ihr Ruf breitete sich bis in die tiefste russische Provinz aus. Und Shnurs Schaffenskraft ist unermüdlich. 2001 nahm er mit dem Projekt Tri Debila das Album „Made in Zhopa“ auf. Tri Debila war eher eine Mini-Band für kleine Clubs mit Gesang, Tuba, Akkordeon und Schlagzeug. Auch wenn dies nur ein kurzes spontanes Projekt war, sind die Songs auf dem Album doch fester Bestandteil des Werks Leningrads. Die Besetzung der Band hat sich des Öfteren geändert, wobei das Rückgrat stets gleich blieb: Gitarren, Schlagzeug und eine starke Bläser-Sektion. Manchmal kam ein Keyboard dazu, ein Akkordeon, Kontrabass, Xylophon, Balalaikas oder gar eine singende Säge. Die letzten einschneidenden Veränderungen gab es 2002. Das Album „Piraty XXI veka“ nimmt Shnur mit den Musikern der St. Petersburger Ska-Band Spitfire auf und schon bald ist die gesamte Spitfire- Mannschaft Teil von Leningrad, was die musikalische Qualität noch einmal deutlich steigert. Zwischen 2003 und 2005 veröffentlichen die rastlosen Leningrad noch einmal drei Alben: das sehr populäre „Dla Millionov“, das experimentale Musik-Hörspiel „Babarobot“ und das Album „Huinya“, das sie gemeinsam mit der englischen Kultband The Tiger Lillies aufnehmen. Shnur hat auch diverse Soundtracks komponiert. Bei der führenden russischen Suchmaschine rambler.ru ist Shnur einer der meistgesuchten russischen Künstler. Er betätigt sich neben der Musik auch als Schauspieler, TV-Moderator und Maler. Nebenbei veröffentlichte Sergey Shnurov noch ein Soloalbum – „Vtoroi Magadanskji“ das jetzt exklusiv in einer Limited Edition zusammen mit dem Album „Hleb“ erscheint



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tagesspiegel:

Wodka, Sex, Wodka
Der Moskauer Bürgermeister hat sie verboten. Doch in Berlin wird die Ska-Band Leningrad gefeiert

Von Jens Mühling

Moskau, ein Abend vor gar nicht langer Zeit. Im Nachtklub „Totschka“ füllt sich die Bühne mit Blasinstrumenten. Mit reichlich Blasinstrumenten. Ein gutes Dutzend Musiker gruppiert sich zu einer Art lebender Skulptur aus goldglänzendem Blech und schwitzenden Leibern, dann tritt ein unrasierter Mittdreißiger im Unterhemd ans Mikrofon. Sergej Schnurow, Sänger, Texter und Mastermind der Ska-Kapelle „Leningrad“, räuspert sich und brüllt ins Publikum: „Euer Bürgermeister sagt, er will hier keine dreckigen Wörter hören. Wenn er den Stecker zieht, müsst Ihr weitersingen!“

Was das Publikum freilich auch ohne Aufforderung getan hätte. Als Schnurow nach den ersten Tuba-Akkorden den ersten saftigen Fluch loslässt, stimmt die gesamte Halle ein, und was der Sänger seinem Publikum im Folgenden um die Ohren haut, könnte man als eine Art Enzyklopädie des russischen „Mat“ bezeichnen – jenes unflätigen Vokabulars, das in seiner Komplexität so etwas wie eine eigenständige Sprache ist. Manche mögen so was. Andere nicht. Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow etwa findet die Texte der Petersburger Ska-Band so unerträglich, dass er kurzerhand eine Auftrittssperre für Moskau verhängte.

Ein Hauptstadtverbot, das allerdings regelmäßig unterlaufen wird. Und ohnehin schwer durchzusetzen ist bei einer Band, die in Russland zu den erfolgreichsten überhaupt gehört – obwohl Leningrad in der weitgehend von russischsprachigem Plastikpop dominierten Musikszene eine absolute Außenseiterstellung einnehmen. Statt weichgespülter R’n’B-Balladen spielen sie hemdsärmligen Ska. Statt schicker Turnschuhe tragen sie verschwitzte Unterhemden. Und vor allem handeln ihre Texte nicht davon, wie es ist, mit Papas Kreditkarte auf der Suche nach exotischer Zerstreuung durch die Welt zu reisen – sondern wie man sich mit drei Rubel in der Tasche von einem Tag zum nächsten hangelt. Von dreckstarrenden Kommunalwohnungen in öden Vorstadtvierteln. Vom Leid des russischen Arbeitnehmers, und am ausgiebigsten wohl von den Freuden des russischen Feierabends – als da wären: Wodka, Sex, Wodka.

Das Fluchen ist bei Texten dieser Art eher Programm als Stilmittel, wie Schnurow auf dem neuen Leningrad-Album „Hleb“ ironisch erläutert: „Die guten Onkels von der Polizei fluchen nie / Und zocken einen auch nie ab, genau wie die Abgeordneten / Die Rentner bekommen pünktlich ihre Renten / Und alleinstehenden Müttern hilft die Regierung / Warum also sollten sie fluchen?“ Meist stellt Schnurow die Zumutungen des postsowjetischen Alltags ins Zentrum seiner Texte, auch wenn er nur an wenigen Stellen explizit politisch wird. Eher versucht er, nationalen Symbolen die eigene lakonische Lesart aufzudrücken: Im Stück „Flagge“ etwa sucht ein verprügelter Held mit blutverschmierten Fingern Trost bei einer „Blauen“ – womit die blau etikettierte Flasche einer russischen Billigbiermarke gemeint ist. Endgültige Erleichterung verschafft ihm aber erst der „Weiße“, den sein Kumpel mitbringt – sprich: Wodka. Schnurows Fazit: „Das ganze Leben ist gestreift wie die russische Flagge / Von Rot zu Blau, von Blau zu Weiß.“

Vielen Russen ist eine nicht ganz saubere Welt mit Wiedererkennungswert lieber als ein sauerstoffarmer Planet Putin. Und deshalb gelingt Leningrad das, was im gesellschaftlich zersplitterten Russland der Jetzt-Zeit sonst kaum eine Band schafft: Sie werden von Intelligenzija und Proletariat gleichermaßen geliebt, bei ihren Konzerten verbrüdern sich Schweißer und Studenten, Machos und Metrosexuelle, Dachdecker und Dandys.