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CHICO CESAR

BRASILIKUM FÜR DIE OHREN - der kulturminister von Paraiba kehrt zurück auf die musik-bühnen der welt

Chico César, ein brillianter Musiker mit einem schier unendlichen Repertoire voll schillernder Songperlen im Gepäck, schrieb die Hits "Mama Africa" und "A Primeira Vista“, die von seinem Publikum in der ganzen Welt gesungen werden. Innerhalb der letzten acht Jahre ist Chico César zu den gefragtesten Sängern und Songwritern Brasiliens aufgestiegen. Der Titel einer CDs: „Respektiert meine Haare, Ihr Weißen!“ spielt nicht nur auf seine ungewöhnliche Frisur an, sondern ist auch als Metapher für seine Hautfarbe, seine Generation und vor allem Unabhängigkeit zu verstehen. Chico César und seine Band präsentieren eine gelungene musikalische Balance zwischen anspruchsvoller Poesie, Reggae do Brazil, zeitgenössischer Folklore und Balladen. - nach 5 Jahren als Kulurminister kehrt er endlich wieder zurück - und wechselt von der poloitischen auf die musikalische bÜhne. Uns freuts.

Chico Césars Heimat Paraíba, ein Bundesstaat im Nordosten Brasiliens, ist arm und staubtrocken, aber reich an Musik. Und so ist der Stil des Sängers und Songwriters ein Konglomerat von verschiedenen Elementen aus dem Kosmos der Música Popular Brasileira: Zwischen Funk, Reggae, afro-brasilianischen Rhythmen und karibischen Kolorierungen pendeln die Songs, die vor Wortwitz strotzen: "Ich stehe in der oralen Tradition des Nordostens. Die Wortkunst ist sehr präsent in der brasilianischen Popmusik", sagt César. Die poetische Strahlkraft, gepaart mit der zeitgenössischen Aufbereitung regionaler Farben – das macht die Magie des Chico César aus. Das Publikum wird damit Zeuge von außergewöhnlichen Manifestationen eines neuartigen, farbenprächtigen Brasil-Pops ohne Klischees. "Brasilien heißt nicht ausschließlich: Sonne, Strand, wenig Wäsche. Ich setze mich dafür ein, dass es als ein Land mit mehr Innerlichkeit gesehen wird."


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Chico César ist illustre Gesellschaft gewöhnt. Einmal traf er sich in São Paolo mit Nelson Mandela, Pelé, Bob Marley und Malcolm X. Das geht nicht? Doch, wohl geht das, in einem parallelen Universum nämlich. Der Karneval in Brasilien ist ein solches. Und da war die genannte Gruppe zu sehen – als Pappmaché-Figuren auf einem der Wagen.

Chico hält das für übertrieben, die Herren seien doch wohl einer anderen Liga zuzuordnen. Zumindest bei einem dürfte sich das schon anatomisch manifestieren, bei Nelson Mandela nämlich, dem Chico César, keine Einssechzig, kaum bis zur Brust reichen dürfte. Gefreut hat es ihn aber doch, unter so berühmten Pappnasen weilen zu dürfen, und es hat seiner Bekanntheit in Brasilien weiteren Auftrieb verliehen. Die ist heute soweit gediehen, dass er auch dann nicht unerkannt herumlaufen kann, wenn er in ganz normalen Klamotten steckt statt in seinen üblichen, farbenfrohen Kostümen, die irgendwo zwischen afrikanisch-indianischer Tracht und futuristischer Fantasie liegen. Seinen Mangel an physischer Präsenz weiß er jedenfalls auszugleichen.

Fakten, Fakten, Fakten
1995: Aos Vivos (Velas) 1996: Cuzcuz Clã (Totem) 1998: Beleza Mano (Totem) 2000: Chico César (Putumayo/Exil) Mama Mundi (Universal) Schreiben wir ihm mal eine Kurzbiografie, um das gleich vom Tisch zu haben. Geboren am 26. Januar 1964 als Francisco César Gonçalves in Catolé do Rocha, Bundesstaat Paraíba, Brasiliens armer Nordosten. Mit acht Jahren arbeitet er in einem Plattenladen, wo er sich einen breit gefächerten Geschmack zulegt: Jackson do Pandeiro, Salif Keita, Bob Marley, Led Zeppelin. Erste Band mit zehn, sechs Jahre später Umzug in die Hauptstadt des Bundesstaates, João Pessoa. Weitere Bands, erste Zeitungsartikel. Umzug nach São Paolo 1984, Studium der Journalistik und Sprachwissenschaften, arbeitet als Journalist und Musikkritiker (sic!). 1986 erhält er ein Stipendium für den Besuch einer Musikschule, an der die MPB, die Música Popular Brasileira, unterrichtet wird. Gründet die Band Camara dos Camaradas, aus der später Cuzcuz Clã wird. 1991 Clubtour in Deutschland auf Einladung des brasilianisch-deutschen Kulturvereins. Entscheidung, Musik zum Hauptberuf zu machen. Erstes Album 1995; neben Mama Africa auch darauf: À primera vista, später covert Daniela Mercury den Song, er wird zum Titelthema einer Seifenoper, und Chico im ganzen Land bekannt. Es folgen weltweite Tourneen und weitere Alben (s. Discographie).

Brasilikum für die Ohren
Soweit die Fakten, und eines noch hinten dran: In diesem Jahr erschienen gleich zwei Alben von ihm, eine Compilation, und ein brandfrisches, tauneues Album mit dem Titel Mama Mundi. War da nicht was, mit Mama? Doch, da war was, klar, Mama Africa, der Song, der seine Karriere begründete, sein dickster Hund bis dato, der auf der ganzen Welt vom Publikum mitgesungen wird – egal, ob es nun Portugiesisch spricht oder nicht, es reicht, die Phonetik zu imitieren. Was aber war eigentlich das Besondere an diesem Song? Vielleicht dies: Da stellt sich ein Barde hin mit seiner Klampfe und knallt einen Refrain raus, auf den man in den erfolgreichsten Hitschmieden Amerikas mächtig stolz gewesen wäre. Kaum anders ist A primera vista, das ganze Lied ist ein einziger Refrain, so infektiös, das auch hier eine Gitarre völlig zur Begleitung ausreicht. Das ist die eigentliche Kunst des kleinen Mannes mit dem großen Imperator im Namen. Beide Lieder sind auf seinem ersten Album, und bezeichnenderweise ist auf der ganzen CD nur der singende Chico mit Gitarre zu hören – die er allerdings in ganz eigener Weise spielt, und zwar gut. Es ist doch immer das alte Lied: Ein wirklich guter Song braucht nicht mehr. Zwar ist es ihm bis heute nicht gelungen, einen ähnlichen akustischen Schmackofatz zu schreiben, auch wenn Mama Mundi durchweg sehr gelungen ist. Doch seien wir fair, denn Lieder, die von einer ganzen Generation mitgesungen werden, schreibt man nun mal nicht jede Woche.

Positive Schizophrenie
Was es mit Mama Mundi, Mutter der Welt, auf sich hat, erzählt er jetzt mal selbst: "Das Grundthema von Mama Mundi ist die Mobilität, seien es Bevölkerungsströmungen, das Internet, oder auch meine eigene, in den letzten Jahren war ich fast ständig unterwegs. Und Mama Mundi ist, als Album-Titel, auch eine Referenz an diese feminine Figur, die in meiner Musik sehr stark vertreten ist. Nehmen wir den Titelsong, da singe ich von der Mama Mundi, die gleichzeitig die Mutter von Juri Gagarin ist, der erste Mensch im All, also außerhalb der Erde, und von Mestre Vitalino, der kleine Figuren aus Ton formt, also aus Erde. Der eine wagt den ganz großen Sprung hinaus, der andere sitzt in einem kleinen Dorf und hantiert mit dem, was zu seinen Füßen liegt. Aber beide erreichen sehr viele Leute." Das ist die eine Ader des Chico César, poetische Bilder zu entwerfen, in denen die eigentliche Kernaussage verschlüsselt ist. Die andere ist sein Humor. In A forca que nunca seca zum Beispiel besingt er den "Arbeitstanz", den die Frauen auf ihren Kilometer langen Märschen vollführen müssen, wenn sie in großen Kanistern Wasser auf dem Kopf heranschleppen. Auf jeden Fall sei Mama Mundi, sagt der heute 36-Jährige, sein persönlichstes Album, es spiegele seine Schizophrenie – im positiven Sinne – am besten wider, nämlich viele Einflüsse auf sich einwirken zu lassen, und doch ganz man selbst zu bleiben.

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Respektiert meine Haare, ihr Weißen
Chico César - Rhythmus, soziales Engagement und Liebe

"Es ist ein Verbrechen gegen das Vaterland mit Zustimmung des Weltkapitals. Im Brasilien von heute haben wir eine egoistische Elite, gleichzeitig die Verarmung der Mittelklasse und die totale Verelendung des Proletariats." Der das vor knapp drei Jahren sagte, ist kein Politiker, sondern ein kleiner Mann aus Brasilien, der dort zu Recht als Superstar gehandelt wird. Chico César ist Musiker, verbindet heimatliche Melodien und Stilrichtungen mit Reggae und Singer/Songwriting und betont neben dem Rhythmus vor allem eins: Musik ist für ihn ohne soziales Engagement nicht denkbar.


Die sozialen Probleme beeinflussen auch meine Musik und verstärken meine Solidarität mit den Leuten, die von diesem Wirtschaftsmodell ausgeschlossen sind. Denn ich komme ja aus deren Mitte." Diese Mitte liegt in dem eher wüstenartigen und ärmlichen Bundesland Paraíba im Nordosten Brasiliens. Aufgewachsen ist er als der siebente Sohn eines ungelernten Landarbeiters und einer Wäscherin. Bereits mit acht Jahren arbeitete er in dem Plattenladen seines nur 14.000 Seelen zählenden Geburtsortes, hörte hier nicht nur die Klänge seiner Heimat, sondern lernte auch die westliche Musik, vor allem die der USA kennen. Im Alter von zehn gründete er seine erste Band und zog mit dieser durch die Provinz, spielte auf Familienfeiern und bei religiösen Anlässen.

Die politischen Verhältnisse in Brasilien waren durch die Militärdiktatur gekennzeichnet, Zensur und Verbote auch in der Musik standen auf der Tagesordnung. Sambaschulen unterlagen durchweg als mögliche Organisations- und Radikalisierungszentren strengster Beobachtung der Junta und waren jederzeit von Verboten bedroht. Für Chico César eine Zeit, die immer noch prägend ist: "Die Musik spielt ja seit damals eine enorme Rolle: Sie war Sprachrohr der Bürgerbewegungen, als die politischen Parteien nicht mehr existierten, das Parlament geschlossen und die Zeitungen zensiert waren." Als er 1985 nach Sao Paulo geht, arbeitet er als Journalist, verdient mit Kultur- und Politikartikeln sein Geld. Nur noch nebenbei macht er Musik. Zehn Jahre schlägt er sich auf diese Weise durch, bis er 1991 - nach einem dreimonatigen Aufenthalt im westdeutschen Tübingen - beschließt, sich voll der Musik zuzuwenden. Als 1995 sein Album "Aos Vivos" erscheint, avanciert Chico César in Brasilien zum Star. Der Song "A primera vista" wird zum Hit und als Titelsong einer TV-Soap im ganzen Land bekannt. Vor allem aber sein "Mama Africa" gerät zu einem Ohrwurm, der durch die Straßen und Gassen von Sao Paulo und Rio de Janeiro schallt und inzwischen auch in den einschlägigen Latino-Szenen Europas nicht mehr wegzudenken ist.

Seitdem ist César nicht nur in Brasilien ein Begriff. Auf zahlreichen Tourneen quer durch die Welt machte er sich bereits einen Namen. Dass er trotz Ruhm weder seine Herkunft noch den Kopf verloren hat, stellt er nicht zuletzt mit seinem im Jahr 2002 veröffentlichten aktuellen Album klar: "Respektiert meine Haare, ihr Weißen" heißt der Titel dieses Albums in der deutschen Übersetzung. Und damit spielt der "Kleine König" nicht nur auf seine imposante Haartracht an, die er - da nur 1,60 m klein - kräftig nach oben bürstet, um so an Größe zu gewinnen. Der Sohn afrikanischer, indigener und weißer Vorfahren fordert vor allem den Respekt vor dem Einzelnen, vor dessen Einzigartigkeit. "Es geht nicht nur um die viel zitierte Toleranz - es geht um Respekt," stellt er selbstbewusst fest.

Allein die an dem Album beteiligten MusikerInnen zeigen, welche Stellung César inzwischen in der Música popular Brasileira (MPB) einnimmt. Neben so renomierten Namen wie Carlinhos Brown oder Daniela Mercury findet sich auf dem aktuellen Album auch ein Duett ("Antinome") mit der Legende Chico Buarque, dessen Songs vielfach unter der Militärdiktatur verboten waren, nichtsdestotrotz aber überall in den Städten und Dörfer vom Volk gesungen werden. Auch internationale Anerkennung hat sich inzwischen eingestellt: Gemeinsam mit Ivan Lins und Victor Martins schrieb er den Song "Soberana Rosa", für dessen englische Fassung "She walks the Earth" Sting 2001 den Grammy in der Kategorie Best male Pop Song gewann.

Musikalisch liefert César ein überaus breites Repertoire, in dem er aus den scheinbar unendlichen Quellen der brasilianischen Volkmusik schöpft. Nicht zuletzt kommt er ja aus einer Gegend Brasiliens, die sich als Ursprung des Landes rühmt. Wenn es denn stimmt, dass Brasilien hinsichtlich der Musik kein Land, sondern eher ein Kontinent ist - wie es Gilberto Gil mal sagte, dann lässt sich in der Musik von Chico César davon jede Menge finden: Neben allerlei Varianten des Sambas ist das allem voran der stark Akkordeon geprägte Forró, einer für brasilianische Verhältnisse eher ruhigeren Gangart. Oder der Baiao, Coco, Carimbó, der immer mal wieder als Ursprung des HipHop bezeichnete Emobolo. Und wenn das nicht reicht, kommen auch schon mal indianische Pfeifen oder karibische Anleihen hinzu. Diese traditionellen Klänge verbindet César auf feine Weise mit westlichen Sounds, vor allem mit Reggaebeats und Funk, aber auch dem Singer/Songwriting US-amerikanischer Tradition. Diese Musik kommt nicht nur aus dem Herzen und dem Hirn, sondern - tanzbar wie sie ist - aus der Hüfte.

Charakteristisch sind auch die Texte, die auf typisch brasilianische Weise vor Wortwitz nur so strotzen. Dass der stark ausgeprägt ist, hängt vor allem damit zusammen, dass in vielen Regionen Brasiliens auch heute noch Geschichte als gesprochenes Wort weitergegeben wird und diese orale Tradition noch sehr lebendig ist. Außerdem durchziehen die Texte immer wieder Anspielungen auf die Alltagskultur, auf religiöse Anlässe, die sich ohne weiteres für Außenstehende so nicht erschließen (daher gibt es auf der Homepage von Chico César neben der englischen Übersetzung der Texte auch diverse Erläuterungen), in Brasilien aber auf Anhieb von jedem und jeder verstanden werden. Ein Mittel, dass auch während der Diktatur zur Umgehung der Zensur intensiv genutzt wurde.