treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

JENSEITS VOM CHRISTKINDLMARKT // DER neue TREIBHAUS-PASS // & MORE.

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DIE STERNE

Wie wenige andere nur schaffen es Die Sterne aus Hamburg, schrecklich komplizierte Sachverhalte in einen Song zu komprimieren. Die Komplikationen und Komplexitäten entfalten sich dort nochmal und schwingen. Das führt dazu, dass die Sterne eine dieser Lieblingsbands sind, die man sich sogar gerne mit anderen teilt. Wie oft ist man sich schon besonders klug vorgekommen, nur weil man dank der Sterne jenen Kniff gefunden hat, „Fickt das System“ zu sagen: Indem man wie in ihrer Single von '92 „Fickt das System“ einfach ein „Keine Parole wie die:“ davorsetzt. Wie oft hat man sich dabei ertappt, auf einmal ganze Songs auswendig zu können, gestern Abend mit dem Dudelsack eingeschlafen von „Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt“, heute schon aufgewacht mit dem Refrain von „Hier ist mein Standpunkt“. Das verallgemeinernde „man“ ist auch bei „Räuber und Gedärm“ bei aller subjektiver Rumschwärmerei wieder angebracht: Die Sterne haben noch alle gekriegt.

Die Sterne sind politisch wie nie.

Die Tatsache, dass "Räuber und Gedärm" schon das achte Studioalbum der Sterne ist, lässt die Gedanken irrlichtern: Diese Band, Frank Spilkers Texte, sein nicht kopierbarer, maximal indifferenter Gesang, Thomas Wenzels mal lakonisches, mal dringliches Bassspiel und das nur scheinbar Schludrige haben die Hamburger zu einer sogenannten Institution gemacht.

Die Sterne sind wie selbstverständlich da, machen einfach immer weiter, können es sich sogar erlauben, ihrer neuen Platte einen wirklich miesen Titel zu geben. Zwar wurde das besorgniserregend verwahrloste Aussehen der Sterne-Mitglieder auf aktuellen Presse-Fotos beklagt, aber ein Politikum scheinen die Sterne irgendwie nicht mehr zu sein. Ob das die Wahrheit ist? Mehr Meinung, mehr Attitüde als vor zwei Jahren auf "Das Weltall ist zu weit" sind streng genommen gar nicht möglich. "Räuber und Gedärm" beleuchtet den Stand des Individuums in der Warenwelt und im Würgegriff seiner eigenen, meist nur schwer modifizierbaren Denkmuster. Frank Spilker, schon immer gut in Sachen Selbstbeobachtung, findet Auswege: "Ich hab keine Nerven/ Ich hab keine Nerven/ Ach Quatsch, jeder hat doch Nerven/ Und zu sagen, dass man keine Nerven hat/ Ist doch auch wissenschaftlich eigentlich nicht korrekt, oder?" ("Aber Andererseits:").

Unter den 14 Liedern befinden sich neben einem ausgesprochenen Nicht-Hit ("Der Tunnel") mit "Abends ausgehen", "Am Pol der Macht" und "Wenn ich realistisch bin" auch einige der inspiriertesten Gemeinschaftsleistungen seit "Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die interessanten" (1997). Trivial, aber ungemein wissenswert: Frank Spilkers Schnauzbart ist endlich ab, den trägt jetzt Schlagzeuger Christoph Leich.

aus: DE SPIEGEL

Ihr nunmehr achtes Studioalbum führt runderneuert das Oeuvre fort: Die herzliche Wucht der Platte bestätigt den Eindruck, Die Sterne sind eh immer ganz andere. Denn  alleine im Zeitraum zwischen 2004 und dem beginnenden 2006, haben sie alle wieder ihre Dinge gemacht neben dem Sternentum. Frank Spilker las auf Bühnen gemeinsam mit Knarf Rellöm und Thomas Ebermann Texte von Erich Mühsam und Jules Vallés , Thomas Wenzel wurde Vater und Richard von der Schulenburg ging solo mit neuem Album auf Tour. Christoph Leich gründete sein eigenes Label Materie Records, wo nun das erste Album-Release von Pascal Fuhlbrügge ansteht, der vor den Sternen gemeinsam mit Leich bei Kolossale Jugend spielte.

„Räuber und Gedärm“ klingt richtig gut beieinander, und das haben die Hamburger in zwei Trainings-Camps so hingekriegt. Zuerst wurde kompakt im Proberaum einer befreundeten Band in Tschechien geprobt. Hier wurde der Weg geebnet. Nachdem das Statement des Nichteinverstandenseins mit „Das Weltall ist zu weit...“ gegeben war, sollte diesmal nicht nur ein Konzept die Platte beherrschen. Poppige Melodien im harten Sound sollten es werden, das war ihnen schnell klar und als Orientierung genug, und dieser Geist beherrschte dann auch die zweite konzertierte Probe-Aktion. In Fresenhagen fand sie statt, auf dem Landsitz der ehemaligen Ton Steine Scherben.


14 Songs haben den Sommer der Doppel-Session überdauert. Sie finden sich auf „Räuber und Gedärm“: Bis auf das von Spilker verfasste „Unsere Ideen sind genital“  sind alle durch die Zusammenarbeit der Bandmitglieder entstanden. Und so eröffnet ein beschwingtes Orgel-Thema zu einem Motown-Beat einen Song wie „Alles sein Gutes“, und in feierlicher Lakonie meint Spilker: „Es könnte qualmen oder so“. Diese ganze Platte schaukelt so. Hin und her zwischen Witz und Lamento, her und hin von Ballade zu Indie-Rocker, wobei das ja Die Sterne erfunden haben, dass man bei Indierock auch an Funk denken mag.

„Was ist mein kleiner Grashalm“ rührt an mit seinem Piano reitenden Kopfnicker-Rhythmus, und „Als ich der Versuchung widerstand“ erinnert im Schunkel-Groove an Johnny Wakelins Hit aus den Siebzigerjahren „In Zaire“.   Auch in den straighten Songs wie „Es gibt nichts Spannenderes“ oder dem Titelstück „Räuber und Gedärm“ hat der neue Bandgeist – so konsequent im Kollektiv sind die Stücke schon lange nicht mehr entstanden – zu einer neuen Merkwürdigkeit der Melodien und Sounds geführt. Das jetzt psychedelisch oder freaky zu nennen, führte wohl auf eine falsche Assoziationsfährte. Dafür ist die Band zu klar im Kopf. Doch das Spielen in der Gruppe hat hier zum Spaß auch am Spiel selbst geführt.

Der punkoide Rocker „Ich bin billig!“ zeigt exemplarisch, wie sie mal wieder Text und Sound verschränken: „Ich bin billig, nimm mich mit!“ fleht Spilker, und die Instrumente stolpern schäbig.  Auch weitere Songs  wenden das Vokabular des Handels und der Warenwelt auf zwischenmenschliche Beziehungen an („Abends Ausgehen“), oder thematisieren das Durchdringen sämtlicher Lebensaspekte durch den zunehmenden Erwerbsdruck („Es gibt nichts Spannenderes!“). Dabei liefern sie jetzt schon immergrüne Aphorismen wie „Es ist für seine Größe eigentlich ziemlich klein“ aus „Abends ausgehen“. Was auch in den eher grundsätzlichen Texten Spilkers gelingt, etwa, wenn er in „Am Pol der Macht“ feststellt: „Und egal wieviel Päpste sterben, es ist noch nicht vollbracht. Du bist wohl immer noch nicht nah genug am Pol der Macht.“ Mit dieser Ode ans private Älerwerden im politischen Unglück legen Die Sterne den Finger auf die Wunde. Das wirkt.

Produziert und damit geholfen, dass es besser wirken kann, haben diesmal mehrere Menschen am Pult. Das ist neu für die Sterne. Peta Devlin, Musikerin bei Cow, Oma Hans und Produzentin von z.B. Superpunk, hat die Aufnahmen gemacht und Die Sterne mit ihrer Musikalität beeindruckt.
Abgemischt haben: Chris von Rautenkranz (Sterne- und Blumfeld-Produzent seit langer Zeit), Gregor Hennig (Robocop Kraus, Philip Boa) und Michael Ilbert, der es neben den Cardigans und Hives auch schon mit Tocotronic zu tun hatte.

Zu den Gastmusikern zählen Lado-Manager Stephan Rath (Percussion,) Christine
Schulz von Novack und die auch als „Nixe“ bekannte Rebecca Walsh. Im Brüllchor von   „Es gibt nichts Spannenderes!“ taucht schließlich noch Mense Reents (Egoexpress, Stella) auf. Der Hamburger Künstler Stefan Thater hat das Cover gestaltet. Sie alle erhärten den Verdacht, dass immer, wenn Räuber, Gedärm etc. die Launen vermiesen, irgendwo doch ein paar Himmelskörper funkeln.

Christoph Braun


Eckdaten

- 1992 finden sich Die Sterne in ihrer Urbesetzung: Frank Spilker (Gitarre & Gesang), Thomas Wenzel (Bass), Frank Will (E-Piano) und Christoph Leich (Schlagzeug).
- Noch im selben Jahr erscheint die erste Vinyl-Maxi „Fickt das System“.
- 1993 erscheint das Debütalbum „Wichtig“.
- Wegen der rechtsradikalen Übergriffe im Jahr 1993 reist die Band im Rahmen der von Hamburg und Köln aus organisierten Tournee „Etwas besseres als die Nation“ durch die neuen Bundesländer – zusammen mit Absolute Beginner, Die Goldenen Zitronen und Blumfeld.
- 1994 erscheint das zweite Album „In Echt“.
- 1996 kommt das Album „Posen“ mit dem Hit „Was hat dich bloß so ruiniert“.
- 1997 erscheint „Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die Interessanten“.
- 1999 erscheint das fünfte Album „Wo ist Hier“.
- Im Jahr 2000 verlässt Tastenmann Frank Will die Band. Sein Nachfolger: Richard von der Schulenburg
- 2002 wurde das sechste Sterne-Album „Irres Licht“ veröffentlicht.
- 2004 erscheint das niegelnagelneue Werk der Band: „Das Weltall ist zu weit“.

                 
               


Bandinfo

DIE STERNE


1992 ist der Gitarren- Indie- Rock zwar nicht tot, aber totlangweilig. Es gibt interessantere Sachen. N.W.A., LL Cool J, Public Enemy und De La Soul zum Beispiel. Und die Musik, die von ihnen benutzt wurde. Sly Stone, Parliament und das ganze funky Zeug. Und Clubs, wo das gespielt wird. Und Kneipen, wo darüber geredet wird. Und Menschen, die mittendrin sind. Unter ihnen Frank Spilker (vox, git.), Thomas Wenzel (Bass), Frank Will (E-Piano) und Christoph Leich (dr.).


Frank Spilker kommt aus einer Clique rund um Bad Salzuflen, die das Kassettenlabel Fast Weltweit betreibt. Mit dabei sind unter anderem auch Bernadette Hengst (Die Braut Haut Ins Auge), Jochen Distelmeyer ( Blumfeld) und Achim Knorr (Der Fremde). Es geht um den subversiven, intelligenten Popsong. Und Frank gelingt das schon damals, Mitte der 80er, unter dem Namen "Die Sterne" bzw. später "Sterne, die" mit Stücken wie "Ein verregneter Sommer" auch sehr gut.

Thomas Wenzel ist der Gitarrengott der Countryformation "Calamity Jane" aus dem Umfeld der Goldenen Zitronen. Er ist so gut, daß sich der Gitarrist der Goldenen Zitronen, Ted Geier, weigert, mit ihm zusammenzuarbeiten. (ein Entschluss, den er später rückgängig machen wird). Das ist auch gut so, denn so haben er und sein Kumpel Frank Will, der auch schon bei einem Stück von Huah! Saxophon gespielt hat, mehr Zeit. Und können Frank Spilkers Frage, ob sie nicht Lust hätten, mit ihm eine Band zu gründen, mit ja beantworten. Als Frank Möller, der Sänger von "Huah!", eine Split- Single zusammenstellt, fragen die drei Christoph Leich, eine männliche Tresenschlampe in einem der Clubs, wo Soul und 70er Funk gespielt wird,     Schlagzeuger der 1991 aufgelösten Band "Kolossale Jugend" und Autor dieses Textes, ob er Lust hätte, bei ihnen mitzuspielen. Die Band ist komplett.

Die vier übernehmen Frank Spilkers alten Bandnahmen "Die Sterne" und beschließen, gemeinsam ein neues Kapitel in der deutschsprachigen Rockmusik aufzuschlagen. Denn Hip Hop ist gut,, aber anstatt sich ewig mit dem Klären der Rechte für samples herumzuschlagen, ist es doch viel einfacher, Lieblingspassagen von Stücken selbst zu spielen und sie mit deutschsprachigen Texten zu überdachen. Die Grundidee der Rockband "Die Sterne" ist geboren  

1992 wird die erste Vinyl- Maxi "Fickt das System" aufgenommen, 1993 und 1994 folgen die beiden Alben "Wichtig" und "in Echt". Es geht um     Zitate und um live- Spielbarkeit. Um Basslinien und Sprechgesangsfluss.     Und um die Texte, die sich vornehmlich mit der Berichterstattung aus sozialen Gefügen, sei es die Clique, der Freund/ die Freundin oder die Kneipenszene, beschäftigen. Das Video der Singleauskopplung „Universal     Tellerwäscher" von der CD „in Echt" geht bei Viva und MTV in die Rotation.

Zwischen den beiden Alben findet 1993 auf Grund der rechtsradikalen Übergriffe die von Hamburg und Köln aus organisierte Tournee "Etwas     besseres als die Nation" durch die neuen Bundesländer statt. Mit dabei sind unter anderem auch "Die Goldenen Zitronen", "Absolute Beginner", " Blumfeld" und eben auch "Die Sterne". Auch wenn das Urteil wegen der einseitig westdeutschen Organisation nicht nur positiv ist, werden doch das Publikum und die Printmedien für die politischen Belange und Zusammenhänge sensibilisiert.

1996 folgt das Album Posen mit dem Hit "Was hat dich bloß so ruiniert". Die Grundsätze der Sterne sind hier sehr kompakt vereinigt. So zitiert " Was hat dich bloß so ruiniert" den Klassiker "House Of The Rising Sun"     von den "Animals", während in einem Stück wie "Themenläden" eher die Arbeit an Basslinien und Sprechgesang demonstriert. Dieses Stück ist     fast schon ein track, wie er auch im vocal house benutzt wird. Die     Konzerthallen sind ausverkauft.
In den folgenden Jahren erscheint 1997 "Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die Interessanten" und 1999 "Wo ist hier". Während sich "Von allen Gedanken..." mit der Arbeit an Songs beschäftigt, liegt das     Augenmerk bei "Wo ist hier" mehr bei der Arbeit mit tracks. Zwischen diesen beiden Platten ergeben sich eine Menge Aktivitäten. Frank Will und Thomas Wenzel liefern den Soundtrack zum Kinofilm "Der Strand von Trouville", Frank Spilker und Christoph Leich machen die Musik zum Film "Dunckel", der einen Grimme Preis erhält. 1998 lädt das Goethe Institut zudem die Sterne zu einer Tournee durch Kanada, die U.S.A. und Mexiko ein.
In Erinnerung bleiben tanzende Cowboyhüte in einem Blues- Schuppen in Austin/ Texas, nicht enden wollende una mas Rufe in Mexico City, und     heimliches Rauchen und Biertrinken vor dem Hintereingang einer     Highschool in Boston. Wobei die Schüler den Sternen zeigten, wo man das unbemerkt machen kann.

Die äußeren Grenzen sind jetzt ausgelotet, jetzt geht es um die inneren. Frank Will erkennt eines Abends, dass er erst sein Verhältnis zur bundesdeutschen Parklandschaft klären muss, bevor er weiterarbeiten kann und konzentriert sich auf seine Arbeit als Landschafts- und Gartenbauarchitekt. Wer aber kann ihn ersetzen? Das E- Piano ist wesentlicher Bestandteil des Klanges der Sterne und das soll auch so bleiben. Thomas hat bei einem Konzert des Top Banana Trios Bekanntschaft mit einem jungen, talentierten Tastenwizard gemacht. Sein Name: Richard von der Schulenburg. Seine Qualifikation: er kann exzellent spielen, sieht gut aus und hat blaues Blut. Ein neuer Keyboarder ist bei den Sternen.

Bei der Arbeit an den neuen Stücken müssen sich die Sterne jetzt nur noch auf ihre Stärken besinnen: das Zitat, die live- Spielbarkeit, die     Songform und die Texte. Einfach, aber genial. Produziert wird die Platte von Olaf Opal, der durch seine Arbeit mit z. B. "The Notwist" niemandem mehr beweisen muss, daß er der Mann für     druckvolle und zugleich interessante Sounds ist. Im Sommer bis Herbst 2002 wird die neue Platte aufgenommen und abgemischt.. Diese Aufnahmen landen schließlich bei der Plattenfirma Virgin, die     begeistert ist. Die Sterne sind davon begeistert, daß in der Kantine der Virgin das komplette Album "High Voltage" von AC/DC durchläuft. Die Platte ist fertig, es kann losgehen.