treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

MUTHSPIEL & MUTHSPIEL

DuoDue: MUTHSPIEL & MUTHSPIEL spielen die Musik Von PIRCHER & PEPL

Während des Studiums wurden Standards
und das akademische Jazz-Repertoire hochgehalten.
Durch das Jazz-Zwio erfuhr ich,
dass man in dieser Musik tatsächlich
genau das machen konnte,
was man selbst wollte.
Jazz vereint multikulturelle Vielfalt:
Werner Pichners Klänge sind Musik
gegen die Gewalt der
Oberflächlichkeit.

Christian Muthspiel

. Immerhin stehen sich „Jazz-Zwio“ und „Duo Due“ allein schon besetzungsmäßig nahe. Und das Zweigespann Werner Pirchner/Harry Pepl bedeutete für die Muthspiel-Brüder gerade in deren noch tastender Anfangszeit einen wichtigen Anstoß.
„Wenn Pirchner/Pepl gespielt haben, war das ein Ereignis. Ich habe persönlich noch sehr gut Pepls lawinenartige Improvisationen in Erinnerung, wo es immer irgendwie ’gefährlich’, heiß wurde. Seine immense rhythmische Kraft war unglaublich“, erinnert sich Wolfgang Muthspiel an sein Initialerlebnis anno 1982 in Graz, und Bruder Christian setzt hinzu: „Während des Studiums wurden Standards und das akademische Jazz-Repertoire hoch gehalten. Durch das ’Jazz-Zwio’ erfuhr ich, dass man in dieser Musik tatsächlich genau das machen konnte, was man selbst wollte.“
Der Stimulus durch Pepl und Pirchner kam zum richtigen Zeitpunkt, denn just im selben Jahr 1982 gaben Christian und Wolfgang Muthspiel, damals 20 bzw. 17 Jahre jung, nach einer längeren Phase gemeinsamen Experimentierens in der Scheune eines oberösterreichischen Bauernhofes ihr erstes Konzert - und sich selbst den Namen „Duo Due“. Keineswegs ahnten die beiden damals, dass sich ihre Kooperation zu einer der längstlebigen in der österreichischen Improvisationsmusik entwickeln würde. Trotz äußerst unterschiedlicher Karriere-Wege: Wolfgang übersiedelte 1986 zum Studium nach Boston, wo er alsbald zum Gitarren-Jungstar avancierte. Neben dem Engagement in der Band von Vibraphon-Genius Gary Burton legte er 1989 mit „Timezones“ sein Solo-Debüt vor, dem in rascher Folge Alben mit prominenten Sidemen vom Schlage Bob Bergs, Richie Beirachs, Don Alias’, Tom Harrells, Dave Liebmans u. a. folgten. Nach acht Jahren in New York seit wenigen Monaten in Wien wohnhaft, wandte sich Muthspiel in jüngster Zeit mit Partnerin Rebekka Bakken eher kammermusikalischen, songorientierten Konzepten zu.
Bruder Christian hingegen machte in den frühen 90ern vor allem mit den drei Auflagen des „Octet Ost“ von sich reden. Trotz seinem Eintritt in Mathias Rüeggs „Vienna Art Orchestra“ 1994 verlagerte sich sein Tätigkeitsschwerpunkt - etwa in Gestalt des Violinkonzerts „Our Motley Mothertongue“ für Benjamin Schmid oder des Klavierkonzerts für Thomas Larcher - sukzessive in Richtung Komposition. In der Saison 2000/2001 fungierte Christian Muthspiel als „Artist in residence“ am Linzer Brucknerhaus und realisierte so spektakuläre Projekte wie „Stodt aus Staa“, in dem „Ostbahn-Kurti“ Willi Resetarits auf das Wiener Klangforum traf.
Die mittlerweile auf sechs Tonträgern dokumentierte Muthspiel-Duo-Achse blieb über all die Jahre konstant ein wesentlicher Faktor. In den 90ern manifestierte sich dies in die Kooperation mit dem prominenten Tandem-Pendant Gary Peacock/Paul Motion (1993), in der grandiosen Cy-Twombly-Hommage „Cy“ (1998) sowie zuletzt im Programm „Echoes of Techno“ (2001).
„Zu unserer ersten Duo-CD ’Schneetanz’ von 1985 hat Werner Pirchner uns eine Postkarte geschickt und uns gratuliert. Wir haben ihn damals noch gar nicht persönlich gekannt“, erinnert sich Wolfgang Muthspiel und deutet damit die besonderen Beziehungen zwischen ihm und seinem Bruder sowie den „Jazz-Zwio“-Mannen an. Schließlich hieß Wolfgangs Lehrer an der Jazzabteilung der Grazer Musikuniversität von 1983 bis 1986 – Harry Pepl. Und Christian pflegte zu Werner Pirchner in den 90er Jahren eine von Telefonaten und wiederholten Begegnungen geprägte Komponisten-Bekanntschaft: „Als ich 1991 meine Kammeroper ’Genesis’ in Innsbruck realisiert habe, war Werner oft bei den Proben dabei. Wir haben uns in seinem Haus in Thaur auch einige Nächte um die Ohren geschlagen, indem wir stundenlang Musik von Oliver Nelson bis Anton Bruckner gehört haben. Er hat wahnsinnig viel über Musik gewusst, weil er dauernd am Hören war. Weshalb er auch auf junge Leute reagiert, sie unterstützt hat. Ein großes Kompliment hat er mir gemacht, als er für die Signation der Ö1-’Jazz-Spielräume’ ein Sample aus meiner Duo-CD mit Roland Dahinden verwendet hat.“
Sieht man von der Uraufführung von Roman Haubenstock-Ramatis graphisch notierten „Poetics“ im Rahmen von „Wien modern“ 1991 ab, stellt das Pirchner/Pepl-Programm für die Muthspiels, die den Namen „Duo Due“ mittlerweile nicht mehr verwenden, die erste Auseinandersetzung mit kompositorisch vorgegebenem Material dar. „Wir werden die Musik in unsere Sprache zu übersetzen versuchen, sie exakt nachzuspielen, erscheint uns wenig sinnvoll“, erklärt Wolfgang. In der Stückauswahl will man sich nicht auf die drei „Jazz-Zwio“-LPs beschränken, auch auf Tonträger Unveröffentlichtes und eigene, durch Pirchner/Pepl angeregte Kompositionen könnten zum Zug kommen. Schließlich will man vor allem dem Geist der großen Vorbilder gerecht werden – der für Christian Muthspiel vor allem beim Vibraphonisten auch mit einer klaren gesellschaftspolitischen Message verknüpft ist: „Für mich gibt einen starken pazifistischen Aspekt bei Werner. Absolute Ablehnung jeglicher Form von Hierarchie. Ich habe das Gefühl, er hat sich in seinem Leben nicht vereinnahmen lassen. Werner wäre wahrscheinlich der letzte, der sich einen Orden umhängen ließe. Ich bin noch auf der Suche nach einer adäquaten Methode, ihn dieser Vereinnahmung zu entziehen.“

Andreas Felber





DIO DUE: MUTHSPIEL & MUTHSPIEL
Wolfgang Muthspiel - guitars, violin, live electronics
Christian Muthspiel - trombone, piano, live electronics

1983 findet mit einem Konzert in der Scheune eines österreichischen Bauernhofes das erste Konzert des Brüderpaares Wolfgang (*1965) und Christian (*1962) Muthspiel, statt. Wolfgang ist damals 17 und Christian 19 Jahre alt und beide haben bereits eine für dieses Alter lange musikalische Geschichte hinter sich. Musik ist im Elternhaus das Thema Nummer 1 , der Vater Chorleiter, alle Geschwister spielen Instrumente, Wolfgang und Christian gewinnen diverse Wettbewerbe und streben zunächst den "klassischen" Weg an. Also spielt man 1983 dieses erste Konzert, dem einige Jahre der intensiven Probenarbeit folgen, welche zum Ziel hat, der bislang in der improvisierten Musik nicht vorhandenen Besetzung Gitarre/Violine und Posaune/Klavier eigenständiges musikalisches Leben einzuhauchen.

Nach vielen weiteren Duo-Konzerten in kleinem Rahmen findet 1986 mit dem Festivalauftritt in Hollabrunn und der gleichzeitigen Einspielung der ersten Duo-LP "Schneetanz" ein erster Höhepunkt in der Zusammenarbeit der beiden Brüder statt. Die LP stößt auf großes Interesse und trägt dazu bei, im darauffolgenden Jahr 1987 mit mehr als 40 Konzerten in Europa, Nordafrika und den USA eine rege Konzerttätigkeit des Muthspiel-Duos voranzutreiben.

Da Wolfgang Ende 1986 nach Boston und später nach New York übersiedelt, weicht die bislang kontinuierliche Duo-Arbeit einer blockartigen Form, die immer mehr konzentrierte, gemeinsame Projekte, abgelöst durch getrennte Aktivitäten der beiden Musiker, hervorbringt. So wird 1987 die Duo-CD "focus it" produziert und 1989 das Folgealbum "TRE" live im Zuge einer Tournee für amadeo/Universal eingespielt.

In der Zwischenzeit wird Wolfgang in Boston vom Vibraphonisten Gary Burton für dessen Quintett engagiert und nimmt somit den seit Jahren vakanten Gitarren-Platz von Pat Metheny ein. Mit dem Gary Burton Quintet spielt Wolfgang drei Jahre lang kontinuierlich in den USA, Europa, Japan und Südamerika. 1989 folgt Wolfgangs erste CD-Produktion "Timezones" als Bandleader mit dem Wolfgang Muthspiel Trio, und diese Produktion legt den Grundstein für eine weltweit beachtete Karriere als Jazzgitarrist. Es folgen fünf weitere CDs unter Wolfgangs Namen für Universal Music bis 1996, für welche er unter anderem mit Bob Berg, Richie Beirach, John Pattitucci, Peter Erskine, Tom Harrell, Paul Motian und Marc Johnson arbeitet. Als Sideman spielt Wolfgang unter anderem mit Paul Motions "Electric Bebop Band", Marc Johnsons "Right Brain Patrol" und Maria Joao. 1997 wird Wolfgang österreichischer "Musiker des Jahres" und seit 2000 ist er mit seinem jüngsten eigenen Projekt "Daily Mirror" gemeinsam mit der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken auf Tournee und im Studio. Im selben Jahr gründet er sein eigens Plattenlabel "material records".

Während also Wolfgang als Jazzgitarrist auf den großen Festivals von Tokio bis Paris vertreten ist, wendet sich Christian in selbiger Zeit immer mehr der zeitgenössischen Komposition und dem Dirigieren zu. Nach einigen Arbeiten im Bereich der Kammermusik folgen Aufträge für verschiedene Ensembles und Orchester, Theaterhäuser und Festivals zeitgenössischer Musik. Die Arbeit an grenzüberschreitenden Projekten, an der Verschmelzung komponierter und improvisierter Musik wird zu einem Schwerpunkt in Christians musikalischem Handeln. Eine Kammeroper, ein Violinkonzert, ein Klavierkonzert und großbesetzte multimediale Projekte im Auftrag namhafter Konzerthäuser und Festivals entstehen, viele Aufführungen seiner Werke dirigiert er selbst. Christians großbesetztes Jazzensemble "Motley Mothertongue" vereint seit 1996 einige langjährige Weggefährten aus verschiedensten Projekten zu einem neuen, grenzüberschreitenden Klangkörper mit Klassik- und Jazzstimmen. Seit 1995 ist Christian außerdem fixes Mitglied des "Vienna Art Orchestra". Von 1999 bis 2001 ist er "artist in residence" am Brucknerhaus Linz und dort mit einer eigenen Serie unterschiedlichster Projekte als Komponist, Instrumentalist und Dirigent vertreten. Abschluss dieser Serie ist die Komposition des multimedialen Werkes "Harmonices Mundi" für die Linzer Klangwolke 2001.

Während dieser zahlreichen getrennten Aktivitäten der beiden Brüder steht das Duo Wolfgang & Christian Muthspiel jedoch keinesfalls still: Neben permanenter Konzerttätigkeit in Europa und den USA sind einige spezielle Projekte Höhepunkte der gemeinsamen Arbeit. Beim renommierten Festival "Wien Modern 1992" gestaltet das Duo die Uraufführung des Zyklus "Poetics" von Roman Haubenstock-Ramati und führt das Konzert mit eigenen Werken zu Bildern des amerikanischem Malers Cy Twombly fort. Im Jahr darauf veranstaltet das Wiener Konzerthaus ein dreitägiges Muthspiel&Muthspiel-Festival, welches an drei Abenden die verschiedenen Aspekte der musikalischen Arbeit Wolfgangs und Christians ausleuchtet und von Kammermusikprojekten bis hin zum Quartett mit Gary Peacock (b) und Paul Motian (dr) eine breites Spektrum der gemeinsamen Musik präsentiert . Mit diesem Quartett wird auch eine Tournee unternommen und die CD "Muthspiel-Peacock-Muthspiel-Motian" eingespielt. Eine weitere Kooperation stellt 1997 das Projekt "Sensitive Dialogues" in Krems dar, bei welchem das Klangforum Wien unter Christians Leitung Wolfgangs "Die Wasserfälle von Slunj" für Dave Liebman und Ensemble und Christians "Leichtvergängliche Waren" für Sopran und Ensemble neben Milhauds "La creation du monde" uraufführt. Das selbe Programm folgt 1998 beim Brucknerfest Linz und den Klangspuren Schwaz. Eine Tournee zum 15-jährigen Duo-Jubiläum im Herbst 1998, die Veröffentlichung der Duo-CD "CY", auf welcher ausschließlich Vertonungen von Malereien Cy Twomblys zu hören sind, sowie Festivalauftritte in ganz Europa finden 1998/99 statt. 2000 wird das neueste Programm "echoes of techno" auf einer ausgedehnten Tournee in den USA, Österreich, Deutschland und der Schweiz präsentiert, live mitgeschnitten und 2001 als CD bei "material records" veröffentlicht.
2001/02 folgen Auftritte in Österreich, der Schweiz, Mazedonien, Polen, China, Senegal und Marokko (u.a. Festivals in Hongkong, Rabat, Skopje und Warschau) mit "echoes of techno" und eine Österreich-Tournee mit dem Spezialprogramm "Muthspiel & Muthspiel play Pepl-Pirchner", einem Tribute an dieses wunderbare Duo und an Werner Pirchner, der 2001 verstarb.

Für beide ist das Duo, die brüderliche Zusammenarbeit, neben all den eigenen, "getrennten" Projekten nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich ein äußerst wichtiger Platz, eine gemeinsame Welt, eine Basis zur Weiterentwicklung und zugleich die intimste, vertrauteste Art des Musizierens.
  DISCOGRAPHIE :
  MUTHSPIEL & MUTHSPIEL:
ECHOES OF TECHNO (2001 - material records)
CY (1998 - lotus records)
MUTHSPIEL-PEACOCK-MUTHSPIEL-MOTIAN (1993 - Universal)
TRE (1989 - Universal)
FOCUS IT (1987 - Universal)
SCHNEETANZ" (1985 - extraplatte)

WOLFGANG MUTHSPIEL (als leader):
DAILY MIRROR REFLECTED (2001 - material records)
REAL BOOK STORIES (2001 - Quinton)
DAILY MIRROR (2000 - material records)
WORK IN PROGRESS (1998 - Universal)
PERSPECTIVE (1996 - Universal)
LOADED LIKE NEW (1995 - Universal)
IN AND OUT (1994 - Universal)
BLACK AND BLUE (1992 - Universal)
THE PROMISE (1990 - Universal)
TIMEZONES (1989 - Universal)

CHRISTIAN MUTHSPIEL (als leader):
HARMONICES MUNDI-Linzer Klangwolke 2001/02 (2001 - blue danube/edel)
CHRISTIAN MUTHSPIEL&MOTLEY MOTHERTONGUE (1999 - lotus records)
OCTET OST II (1994 - Universal)
OCTET OST (1991 - Universal)
TROMBONE PERFORMANCE (1990 - Universal)