treibhaus

Kulturprogramm für Stadtbenützer

Spielplatz am Volksgarten. Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck. Geöffnet täglich von 10 bis 1

DAS TREIBHAUS HAT GESCHLOSSEN. DAMITS BALD WIEDER AUFSPERREN KANN

TROST & ERMUTiGUNG: LiEBE iN ZEITEN DER CHOLERA *** täglich gibts auf dieser seite ein neues trostpflaster aus der treibhaus-suppenküche * verbandwechsel ist jeden tag um 6nach6 * zum nachschauen gibts den link oben (radio / tv) - die coronathek * HEUTE: DORFERS DONNESTALK aus dem jahre 2007 - zugeschaltet: Günther Platter

MONO & NIKITAMAN

Als Mono & Nikitaman 2004 mit »Das Spiel beginnt« mehr aus einer Laune heraus ihr erstes gemeinsames Album veröffentlichen, ist nicht abzusehen, was sich aus dieser spontanen Idee entwickeln würde. Elf Jahre, fünf Alben und hunderte Shows in Clubs und auf Festivals vor tausenden Leuten später hat sich das Duo mit einer der besten und mitreißendsten Live-Shows des Landes über jegliche Genregrenzen hinaus etabliert. Das Besondere: Ihre Texte voller Haltung und Attitüde sprechen vielen Leuten aus der Seele, die beiden haben in ihren Songs stets etwas zu sagen und reißen mit ihrer energiegeladenen Show trotzdem alles und jeden vor der Bühne mit.
Ists Reggae? Ists Dancehall? Ists Punk? 
Es ist, was es ist. Lebendig und aufrecht.

Mono, in Linz, Österreich geboren entdeckt schon früh ihr Fabel für Rap, HipHop und Drum’n’Bass. Ihr Kunststudium verschlägt sie im Rahmen eines Auslandssemesters nach Bristol, wo sie in einem Plattenladen arbeitet und ihrer Liebe zu Musik nachgeht. Zurück in Linz wird Mono Mitglied des Soundsgood International Soundsystem, bei dem sie auflegt, ehe sie nach dem Abschluss ihres Studiums beginnt, ihre ersten eigenen Songs aufzunehmen. 

Nick, in Düsseldorf geboren, wächst mit seiner Mutter und seiner Schwester in der Hausbesetzer-Szene auf und wird durch Punk und Straßenmusik sozialisiert. Nach seiner Ausbildung und diversen Filmjobs entscheidet er sich für die Musik, spielt in mehreren Bands und tourt, genau wie Mono mit einem Soundsystem durch die Clubs. Bei einem gemeinsamen Gig lernen die beiden sich schließlich kennen. Als Nikitaman nach einigen Singles und Samplerbeiträgen 2002 seine erste eigene EP »Ahh...Loco?« veröffentlicht, ist Mono als Feature mit dabei – und der Plan für ein gemeinsames Album wird schon bald in die Tat umgesetzt. 


»Das Spiel beginnt« begeistert 2004 durch den eigenwilligen Mix aus Pop, Dancehall, Reggae, HipHop und Punk – auf Platte und live. Mono & Nikitaman spielen ein Konzert nach dem anderen. Sie nehmen jede noch so kleine Soundsystemshow, jeden noch so kurzen Slot mit und mausern sich binnen kürzester Zeit zum absoluten Geheimtipp. Aus 30 werden erst 60 und dann 90 Minuten am Abend – schließlich kommen die Leute nur noch wegen der mitreißenden Show der beiden.  »Wenn wir irgendwo gespielt haben, hat sich das herumgesprochen und wir haben gleich das nächste Booking bekommen«, erinnern die zwei sich. Mono & Nick beschließen, dass ab jetzt Schluss mit Soundsystem-Shows ist und formieren eine Band um sich. 2006 ziehen die beiden nach Österreich produzieren und veröffentlich in Eigenregie ihr zweites Album »Für immer« und arbeiten mit der dazugehörigen Show weiter an ihrem Ruf als herausragender Live- Act – zumal bei den Konzerten längst nicht mehr nur Szene-Fans, sondern auch Leute, die sonst nur HipHop oder Punk hören, vor der Bühne stehen. Das liegt nicht nur daran das Mono & Nick musikalische Offenheit beweisen, sondern mit ihren Texten ein Zeichen gegen Dummheit und Einfältigkeit jeglicher Art setzen und ein politisches Bewusstsein schaffen - Hinzu kommt: Mono & Nikitaman sind einer der ganz wenigen Acts in der Musiklandschaft, bei denen Frau und Mann völlig gleichberechtigt produzieren, schreiben und performen – Die beiden entwerfen ihr eigenes Merchandise, buchen ihre Konzerte selbst und haben sich nie in Abhängigkeiten begeben - soviel Eigenregie und Selbstbestimmung ist selten. 2008 nehmen Mono & Nikitaman das Album »Außer Kontrolle« auf, für das sie ihr Patentrezept aus eklektischer Herz-und-Kopf- Musik sowie sozialkritischen Texten, noch weiter entwickeln und eine  Platzierung in den Top 15 der österreichischen Charts einheimsen. 

2011 featuren Mono & Nikitaman auf dem bis dato letzten gemeinsamen Studio-Album »Unter Freunden« Gentleman, Ce’cile und Rebellion. Mit der Platte steigen sie auf Platz 51 der deutschen Charts ein und arbeiten parallel dazu weiter an ihrer ungeheuren Bühnenpräsenz und dem Ruf, eine der besten Live-Shows weit und breit zu haben. Einen Ruf den sie mit ihrer bis dahin letzten Veröffentlichung »Live«, einem Mitschnitt des Konzertes in der ausverkauften Arena in Wien, noch weiter untermauen. Dann beschließen beide nach gut zehn Jahren Karriere und fünf Alben, sich erst mal eine Auszeit zu gönnen. »Wir hatten uns durch unseren unbändigen Freiheitsdrang etwas aufgebaut, aber sind irgendwann an einen Punkt gekommen, an dem wir uns durch unseren eigenen Perfektionismus und die Erwartungshaltung der anderen alles andere als frei gefühlt haben«, blicken die beiden zurück. »Es war interessant zu sehen, dass man manchmal die Leere braucht, um wieder etwas Neues zu erschaffen«. Nach ihrer künstlerischen Auszeit sind Mono & Nikitman 2015 endlich wieder zurück: Mit einer neuen Band, neuem Sound, neuem Album und – getreu dem steten DIY-Ethos und dem Motto »Selber machen und entscheiden« des Duos – mit ihrem neuen Label M&N Records.

Ganze drei Jahre hat es gedauert. Drei Jahre, in denen nicht ganz sicher war, ob überhaupt noch mal ein neues Album von Mono & Nikitaman erscheinen würde. Aber jetzt ist 2015 und damit klar: Ja, Mono & Nikitaman haben eine neue Platte gemacht. Sie trägt den Titel »Im Rauch der Bengalen« und ist das bisher beste Album der beiden.

»Wir haben uns durch unseren unbändigen Freiheitsdrang in den letzten Jahren etwas aufgebaut, aber sind irgendwann an einen Punkt gekommen, an dem wir uns durch unseren eigenen Perfektionismus und die Erwartungshaltung der anderen alles andere als frei gefühlt haben«, blicken M&N zurück.

Die logische Konsequenz: Eine Auszeit von der Musik. Zuerst denken die beiden erst mal gar nicht mehr ans Texte schreiben oder Lieder machen - aber schon ein Jahr später stehen sie wieder gemeinsam im Studio, produzieren drauflos und schreiben gemeinsam erste Texte. Irgendwann ist klar: Das was hier gerade ganz sorglos und ohne Druck entsteht, ist nichts anderes als »Im Rauch der Bengalen«, das fünfte gemeinsame Album von Mono & Nikitaman.

»Dadurch, dass wir niemandem etwas schuldig waren und keiner auf etwas gewartet hat, haben wir ganz anders Musik gemacht als in den Jahren davor.« 

Die beiden stürzen sich nicht nur in die Produktionsarbeit, sondern arbeiten auch mit neuen Musikern zusammen und gründen ihr eigenes Label M&N Records. Ein echter Neustart. Mit dem Zähler auf Null, losgelöst von alles und jedem, ist mit »Im Rauch der Bengalen« das bisher beste Album von Mono & Nikitaman entstanden. Eingängie Melodien vermengen sich mit unbändiger Energie zu einer ganz eigenen DIY-Melange in der Tradition alter Veröffentlichungen von Mono & Nick.

Schon der erste Song »Alles zurück« macht unmissverständlich klar: »Es kommt alles zurück / und noch mehr, ich kann’s kaum erwarten / endlich wieder zurück! Wieder da im Rauch der Bengalen«. In einem weiteren Song geht es rauf auf’s »Parkdeck«, um dem Stress der Welt von dort aus zuzuschauen, während »Bääm« den Soundtrack zu einer ganz eigenen Party mit den Fans liefert. »Nichts zu verlieren« beschreibt dann passenderweise auch genau den Moment, kurz bevor Mono und Nikitaman auf die Bühne gehen. Aber natürlich steht er auch für das Gefühl, was M&N die letzten Wochen und Monaten mit sich herumgetragen haben. Der Song ist die Art und Weise der beiden, mit den Erwartungen umzugehen, aber ermutigt auch die Hörer, sich etwas zu trauen.

»Im Rauch der Bengalen« ist nicht nur ein Album, das auf der Bühne funktioniert. »Der Live-Aspekt ist uns immer wichtig aber in den Songs finden sich Bilder und Gedanken, die auch woanders ihren Platz haben«, erzählen die beiden. Das liegt mitunter daran, dass die zwei in endlosen Songwriting-Sessions sehr viel Wert auf homogene Texte gelegt haben. Die Songs sind noch persönlicher und noch pointierter als auf den vorherigen Alben geraten und setzen sich nach wie vor kritisch mit der Welt auseinander – ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

»Keine Schuhe« etwa steht für einen nachdenklichen Text, der mit Leichtigkeit verpackt ist und von der großen Freiheit fernab der datenhungrigen gläsernen Welt von heute erzählt. Aber auch in anderen Songs spielen M&N mit Utopien und nehmen die Hörer mit auf Reisen. Seien es Gedankenspiele oder nur Sprünge über den eigenen Schatten oder um die nächste Ecke. 

»Ein Haus ist kein Zuhause« handelt vom Thema Flucht und der Abgrenzung Europas und stellt die Frage nach der Definition von Heimat und Zuhause. Was versteht man darunter, und wie wird es verteidigt? »Ich mag dieses Anspruchsdenken im Bezug auf Heimat und Zuhause nicht, es wirkt sich sehr ausschließend aus.«, erklärt Mono – und Nick ergänzt: »Als ich sechs Jahre alt war, habe ich mit meiner Mutter in besetzten Häusern gewohnt und diese sind bei diversen Räumungen zerstört worden, das hat mir ein Stück weit mein Zuhause genommen. Deshalb haben wir uns gefragt: Was ist eigentlich Zuhause? Warum wird es manchen verwehrt und manchen nicht und wer entscheidet darüber? Wo fühlt man sich geborgen? Was ist überhaupt Geborgenheit?«

Eine Form von Geborgenheit ist sicher die Liebe der Fans, von der die beiden im Song »Verstärkung« ein Lied singen. »Während unserer Auszeit haben uns viele Mails und Briefe von Fans erreicht, in denen die Leute davon erzählt haben, wie lange sie unsere Musik schon begleitet und was die Songs für sie eigentlich bedeuten. Diese Botschaften habe uns sehr berührt, weil wir gemerkt haben, dass unsere Musik ein Teil des Lebens anderer Menschen ist«, erzählen Mono und Nikitaman. »Das hat uns gezeigt, dass wir wirklich den besten Job der Welt haben, aber auch die Verantwortung weiterzumachen oder besser noch - immer wieder neu anzufangen!«

Ist das eine Halluzination? Ist der Marsch durch die Reggae-Wüste endlich vorbei? Nachdem bei Jan Delay Kraft getankt werden konnte, kam eine lange Durststrecke. Deutschen Reggae zu hören war kein Problem. Es gab Seeed, Silly Walks oder Patrice. Aber politische Aussagen wurden höchstens in homöopathischen Dosen verabreicht. Auch Gentleman spulte nur politisch korrekte »Bun Babylon Bun«-Forderungen ab, in einem Patois-Slang, den wir mit Wörterbuchern entzifferten. Kraft gab uns das alles nicht. Es hat nur Spaß gemacht.
Und so tanzten wir durch die Wüste, wurden schwächer, waren am Verdursten. Doch die Rettung naht. Mono & Nikitaman heißt sie. Mono, die Österreicherin, und Nikitaman, der Düsseldorfer, sind Vegetarier und »nicht aktiv bei der Antifa, aber immer dabei, wenn es eine Demo gibt«, wie Mono meint.

»Das Spiel beginnt«, heißt ihr Debütalbum, und es macht Mut. Der erste Song ist Balsam auf geschundenen Aktivistenseelen. »Geleckte Styler«, »rechte Pisser«, »Zivicops« und »angenähte Dreads« müssen draußen bleiben. Nikitaman hat allen Grund, mit der linken Keule die Fronten zu klären: »Als ich sieben war, ist meine Mutter mit mir und meiner Schwester in besetzte Häuser gezogen. Wir sind immer wieder geräumt und verhaftet worden. Für mich waren Polizisten Männer, die morgens klingeln und sagen, daß ich jetzt nicht in die Schule gehen kann und meine Sachen packen soll.« Die Moral im Song »Limit Is The Sky«: »Kann man euch trauen? Nein!«

Deshalb wird auch kein gutes Haar an Payback-Karten, Kameras und Security-Guards gelassen. »Ihr wollt alles kontrollieren, / ihr wollt alles observieren! / Fickt euch, das wird nicht passieren, / wir sind der Sand im Getriebe!« stellen Mono & Nikitaman im Refrain von »Sand im Getriebe« klar.
Als Reggae-Künstler dürfen sie auf eine Lobeshymne an das gesegnete Gras nicht verzichten. Aber was würde eine Legalisierung bringen? Nikitaman singt, daß dann »Philip Morris die Blunts dreht / und vermarktet wie Fast Food, / das Gras dann so stark wird / daß jede Bahnfahrt zur Qual wird«.

Das Zerpflücken falscher Selbstverständlichkeiten erreicht mit »Solang’ die Sonne scheint« seinen Höhepunkt. Was oberflächlich wie Schlager, wie »Sunshine Reggae« klingt, ist tiefgehende Kritik an der zu kurz greifenden Klimapolitik, an Menschen, die lieber auf Bangladesch als auf Klimaanlagen verzichten. »Wir wollten ein Super-Sommer-Lied machen«, erklären beide, »kamen um die Wahrheit aber nicht herum. Große Werbungen warnten letztes Jahr mit dem Sensenmann: ›Nehmen Sie Ihr Kind aus der Sonne‹. Deswegen heißt die letzte Hookline ›Wenn die Erde tot ist, glaubt ihr dann ehrlich, solang’ die Sonne scheint, ist alles gut?‹«.

Mono & Nikitaman haben viele junge Fans und wissen: »Wir haben eine Verantwortung denen gegenüber«. Nach den Lektionen kommt am Ende des Albums die Belohnung. »Seid ihr bereit«, heißt der Party-Song, zu dem im karibischen Soca-Stil getanzt und gesprungen werden kann. Nikitaman singt: »Wenn wir alle springen, gibt’s ein Beben in den USA«.